Klaus Hödl Die Pathologisierung des jüdischen Körpers Antisemitismus, Geschichte und Medizin im Fin de Siècle
x 415 Seiten, gebunden, Leinen mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85452-415-1 24,90 Euro inkl. MWSt. Restexemplare
Vorurteile und antisemitische Stereotype in der Medizin
Die Entstehung des Antisemitismus, die zeitlich in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts fällt und den religiös motivierten Antijudaismus abgelöst hat, wird gemeinhin auf den Einfluss sogenannter »pseudowissenschaftlicher«
Rassentheorien zurückgeführt. Weithin unbeachtet blieb bisher der Beitrag der seriösen zeitgenössischen Wissenschaft, vor allem der Medizin und der Anthropologie, zur Prägung antisemitischer Stereotype. Die Beschäftigung dieser beiden Disziplinen mit dem »jüdischen Körper« hat jedoch ganz wesentlich die Vorstellung von der (unüberbrückbaren) Differenz der Juden von der restlichen Bevölkerung geprägt, indem sie Vorurteile wie jene von der überdurchschnittlich ausgeprägten Neigung zu bestimmten Krankheiten und auch von einer distinkten »jüdischen Konstitution« schufen.
Klaus Hödl geht der Wirkung der Medizin und der Anthropologie um die Wende des 19. Jahrhunderts auf den Antisemitismus nach und skizziert auch deren Entwicklung in den Jahrzehnten davor. Die Anthropologie und die Medizin haben ganz wesentlich auch die wissenschaftliche Argumentationsgrundlage für das gesellschaftliche Verständnis der Frau geliefert. Die Diskurse über Frauen und über Juden verliefen zum einen parallel zueinander, zum anderen waren sie miteinander verwoben. Diese Verflechtung hat in der Folge auch zum Stereotyp des »effiminierten Juden« geführt, dessen Darstellung gleichfalls breiter Raum in dem Buch eingeräumt wird. Aufgrund des weitgehend »wissenschaftlichen Charakters« des Stereotyps vom kranken, verweiblichten Juden arbeiteten nicht wenige Juden an dessen Fundierung mit – vor allem jene, die während ihrer Jugend eine weitgehende Assimilation erfahren hatten und dadurch später den Wissenschaftsglauben ihrer Zeitgenossen teilten. Eine weitere Stützung dieser antisemitischen Vorurteile kam von den Zionisten, die sich zu Beweisen für die Notwendigkeit ihrer ideologischen Bewegung funktionalisierten.
Anhand dieser Beispiele behandelt Hödl die Thematik der Akkulturation der Juden und der problemhaften Identitätsfindung in einem antisemitischen Umfeld.