175 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85452-419-9 18,90 Euro inkl. MWSt. Restexemplare
Über einen Jugendlichen zwischen maghrebinischer Kultur und europäischer Umwelt
Für Farid Belgacems Umwelt scheint das Leben nach einfachen Prinzipien zu funktionieren: Für die Eltern, algerische Einwanderer, ist die geplante Krönung des arbeitsamen Lebens in Frankreich die spätere Heimkehr in das Haus, das für »die Kinder« zu Hause gebaut und erhalten wird. Für Farids Freund in Lyon, der Stadt, in der er aufwächst, ist auch alles klar: Was man sich wünscht, danach muss man greifen – und sei es nur ein Fernglas, durch das man auf das gegenüberliegende Wohnhaus und in die Wohnung Annas schauen kann. Für Sid Ahmed, den algerischen Seher, der die maghrebinischen Gastarbeiter mit Rat und Weissagungen versorgt, ist Farid eine seherische Begabung und der ideale Schwiegersohn. Und für Said und Brahim, die »Ferienfreunde« in Algerien, ist Farid der willkommene Kumpel für ihre übermütigen Eskapaden.
Farid selbst würde wohl am liebsten alle Optionen, die ihm das Leben anbietet, gleichzeitig wahrnehmen. Traumwandlerisch, hoffnungsfroh doch etwas unentschlossen gleitet der sympathische Held von Azouz Begags neuem Roman durch sein Leben. Mit den fast unbegrenzten Phantasien und Sehnsüchten eines Heranwachsenden ausgestattet, von den Hoffnungen seiner Eltern beschwert, spiegelt sich in ihm die Zerrissenheit des Entwurzelten, die Spannung zwischen der immer noch präsenten und mächtigen Tradition der algerischen Familie und den Grenzen, die das Leben in einem der gesichtslosen vorstädtischen Wohntürme von Lyon einem Jugendlichen setzt. Es ist auch die Spannung zwischen der rationalen Weltsicht der Europäer und der Welt der Magier und Seher des Maghreb, von der Farids Eltern – und auch er? – immer noch beherrscht sind.
Nicht innerlich abgelöst von der alten Heimat und noch nicht in der neuen Heimat angekommen: so lässt sich der Zustand von Farids Eltern wohl am trefflichsten beschreiben.
Als ein schweres Erdbeben Algerien heimsucht, wird Farid in dem zart ironischen und turbulenten Roman von den übermächtigen Elementarkräften mitgerissen. Als mitfühlender Beobachter der Ereignisse, die er über die Medien verfolgt, findet er schließlich seine Rolle, reift der etwas tollpatschige Jugendliche zum Erwachsenen.