Sander L. Gilman, Robert Jütte (Hg.) Der schejne Jid Das Bild des jüdischen Körpers in Mythos und Ritual
x 163 Seiten, 66 SW-Abbildungen, gebunden, Leinen mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85452-282-9 21,90 Euro inkl. MWSt. Restexemplare
Die Assoziation »der Juden« mit Krankheit und Gesundheit hat eine lange Tradition in der westlichen Kultur. Einerseits in dem bis auf das Mittelalter zurückgehenden Bild vom jüdischen Arzt, der von speziellen Fähigkeiten beseelt ist und durch seine Sprachkenntnisse Zugang zu »geheimen« Wissensquellen hatte, andererseits in dem antisemitischen Bild vom Juden, der Krankheiten verbreitete – von der Pest bis zur Syphilis, ohne selbst von ihnen befallen zu werden. Dem entmenschlichten Bild vom »schmutzigen Juden« als Träger von Krankheit, moralischer Verkommenheit und Zerstörung steht das philosemitische Bild vom »guten, schönen, moralisch integeren Juden«, der mit der jiddischen Wendung »Der schejne Jid« umschrieben wird, gegenüber.
im Kontext dieser Stereotype befassen sich die Beiträge mit den jüdischen Riten – von der rituellen Reinheit der Frau, Hochzeit, Geburt, Beschneidung, Schabbat, der rituellen Speisenzubereitung bis hin zu Krankheits- und Begräbnisriten – und mit den verschiedenen Mythen, die sich um diese Riten gebildet haben. Ausgehend von der Interpretation der jüdischen Religion als »wissenschaftliche Religion«, wie das seit Ende des 19. Jahrhunderts üblich war und auf der Hygiene-Ausstellung in Dresden im Jahr 1911 demonstriert wurde, setzten sich die Autoren mit den Mythen über das Wesen des jüdischen Körpers auseinander: »Der männliche und der weibliche Jude«, »Der schöne und der hässliche Jude«, »Der kranke und der gesunde Jude«, »Der sinnliche und der übersinnliche Jude«, »Der soziale und der biologische Jude«, »Der lebende und der tote Jude« sind nur einige der Themen, die in dem Buch aufgerissen werden. In den Essays wird der Kontext sowohl innerhalb als auch außerhalb der jüdischen Welt(en) gezeigt, der zur Interpretation der Riten als Wissenschaft führte. Diese Interpretation des Judentums als »wissenschaftliche Religion« stand in engem Konnex mit der Deutung der Juden als eigene Rasse. Denn auch jene Juden, die die jüdischen Riten nicht mehr oder nur mehr in beschränktem Maße praktizierten, bestanden darauf, dass es sich bei der jüdischen Religion um eine »rationale« Religion handelte. Dadurch sollte die Behauptung, dass die Juden in biologischer und in kultureller Hinsicht »anders« waren, entkräftet oder zumindest abgeschwächt werden.
Die Beiträge befassen sich mit der Entstehung und Entwicklung von antisemitischen und philosemitischen Stereotypen, mit Bildern und Gegenbildern, die, wenn auch in abgeschwächter oder umgedeuteter Form, zum Teil bis heute bestehen.