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In dieser Rubrik können Sie monatlich ein Kapitel eines ausgewählten Titels lesen.



Doris Mayer
365
Roman

223 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85452-662-9
21,90 Euro inkl. MWSt. Neu



Leseprobe

Erster Teil

DER JUNGE KEUCHT. Gedämpfte Schritte auf der feuchten, mit Gräsern durchzogenen Erde. Im verwilderten Park hohe, alte Bäume. Er läuft in die beginnende Dunkelheit, blickt sich um, stolpert und fällt rücklings auf den Boden. Auf seinen Handflächen kleben Blätter. Er rappelt sich auf und lauscht. Wind, der in die Baumkronen fährt. Lichtfetzen zucken hindurch. Der Boden dampft. Am Nachmittag hat es geregnet. Modriger Geruch.
Er wischt den Schweiß von der Stirn und zieht sein weißes T-Shirt über den Kopf. In hohem Bogen wirft er es von sich. Rascheln, als es im Strauch landet. Danach Stille. Angestrengt versucht er, ein Geräusch des Entführers zu orten.
Die hellen Sportschuhe heben sich verräterisch vom Gras ab. Er will sie abstreifen. Das Knacken eines Astes hält ihn davon ab. Er tastet zum Hosenbund seiner Jeans und zieht eine Pistole hervor. Er presst den Rücken gegen einen Baumstamm, die Hand mit der Waffe zittert. Seine Augen durchsuchen das Dickicht. Die Nacht ist hereingebrochen. Unter dem Blätterdach kaum eine Chance, etwas zu unterscheiden. Der Entführer ist denselben Lichtverhältnissen ausgeliefert.
Der Junge beruhigt sich. Die Rinde des Baumes drückt sich scharf in die Haut seines nackten Rückens. Er steckt die Pistole zurück in den Hosenbund. Stille. Er stößt sich ab. Seine Rastalocken verfangen sich in einem Zweig. Er reißt und zerrt an den Haaren. Unterdrückt einen Schrei. Beißt die Zähne zusammen. Der Zweig bricht. Er ist frei. Mit zusammengekniffenen Augen tastet er sich durch dichtes Gestrüpp, stößt mit dem Kopf gegen einen Obelisken. Er vermutet, in der Nähe des Golfplatzes zu sein, der im Osten an den Park anschließt. Der Junge befühlt seine Stirn. Rasch streift er die Sportschuhe ab. Nur mit der Jeans bekleidet bewegt er sich geschmeidig weiter.
Das Gestrüpp lichtet sich. Tatsächlich befindet er sich am Rand des Golfplatzes, beim elften Loch. Er reibt sein rechtes Auge. Ein Stück Rinde ist bei seinem Befreiungsversuch abgesplittert und in seinem Auge gelandet. Ein Golfwagen steht vor ihm, teilweise von Gras überwuchert.
Aus der Ferne das Bellen eines Hundes. Für einen Augenblick durchschneidet es die Stille. Der Junge pfeift drei Mal in kurzen Abständen. Wie als Antwort ein Bellen aus der Richtung des Clubhauses. Er muss die Golfanlage überqueren. Der Junge beschließt, einen Umweg in Kauf zu nehmen, den Schutz der Bäume zu nützen. Wieder ein Knacken aus dem Gestrüpp. Erneut greift seine Hand zur Waffe. Dann geht er in die Hocke. Ein Windstoß lässt Blätter tanzen.
Wo ist sie?, brüllt er und springt auf.
Im nächsten Moment zischt etwas an seinem Ohr vorbei. Er duckt sich. Im Baumstamm, keine Handbreit von ihm entfernt, wippt ein Pfeil. Zorn wallt in dem Jungen auf. Ohne ein Ziel anzupeilen, feuert er einen Schuss ab. Er lauscht. Nichts. Ein Schweißtropfen rinnt von seiner Schläfe über den Backenknochen hinab zum Kinn. Er hört den Schweißtropfen, als er auf seine Brust trifft. Und dann ein Geräusch wie von einem Ballon, der Luft verliert. Gleich darauf schnellt ein Unterarm um seinen Hals, drückt sich gegen seine Kehle. Finger graben sich in die Rastalocken und reißen seinen Kopf in den Nacken. Der Junge würgt. Die Hand, die die Pistole festhält, wird auf den Rücken gepresst. Er drückt den Abzug. Ein Schuss löst sich. Augenblicklich lockert sich die Umklammerung. Der Junge kippt mit dem Angreifer nach hinten, bleibt auf ihm liegen.
Angewidert rollt der Junge zur Seite. Er richtet sich auf. Zu seinen Füßen sieht er die Umrisse des Entführers. Er regt sich nicht. Durch die Blätter züngelt Mondlicht. Auf seinem linken Oberarm ein dunkler Fleck, der sich auf dem Stoff des Sweaters ausbreitet. Unter der Schulter lugt ein Lederköcher mit zwei Pfeilen hervor. Fahles Weiß auf dem Gesicht, eingerahmt von einem dicht wuchernden Bart. Eine wulstige Narbe über der rechten Augenbraue.
Minutenlang verharrt der Junge und beobachtet ihn, ohne ihn zu berühren. Nie zuvor ist er ihm so nahegekommen.
Wach auf!, schreit er den Mann an.
Kein Lebenszeichen. Verzweifelt schlägt der Junge auf den Bärtigen ein.
Tot. Er ist tot. Der Junge tastet mit der linken Hand über den Sweater des Mannes. Dann über dessen Hosentasche. Ein Knistern. Er zieht eine angebrochene Packung mit Pistazien heraus und steckt sie in seine Jeans. Vergeblich sucht er weiter. Tiefe Enttäuschung. Kein Hinweis, wohin der Bärtige sie gebracht hat. Die wochenlange Suche nach ihr war vergebens. Und der Entführer für immer verstummt. Der Junge erhebt sich. Seine Hoffnung, sie je wieder in die Arme zu schließen, erlischt.
Aus nördlicher Richtung Lautfetzen, Hundegebell. Noch immer hält er mit der Rechten die Pistole umklammert. Langsam drückt er sich durch eine Hecke. Er steht abermals am Rand des Golfplatzes. Wieder pfeift er in drei kurzen Abständen und horcht. Erneut das Bellen. Langsam schiebt er die Pistole zurück in den Hosenbund. Wolkenfetzen, die über den Mond ziehen, werfen pittoreske Schatten auf das kniehohe Gras. Er läuft los in nördliche Richtung, vorbei am Teich. Ein stechender Schmerz in seiner rechten Fußsohle. Er schreit auf und bleibt stehen. Die Spitze eines Golftees hat sich in den Ballen gebohrt. Mit einem Ruck zieht er sie heraus. Wieder das Bellen. Er zögert. Dann wendet er sich um und humpelt zurück zum elften Loch. In der Nähe des Obelisken hat er seine Sportschuhe abgestreift. Er taucht wieder ein in die Dunkelheit des verwilderten Parks. Ein leises Rauschen der Blätter. Mit zögernden Schritten tastet er sich voran.
Plötzlich die Umrisse des Entführers auf dem Boden vor ihm. Der Junge schleicht näher, bleibt stehen. Misstrauisch stößt er mit seinem bloßen Fuß gegen den Oberschenkel des Mannes. Keine Reaktion. Schon einmal hat der Bärtige ihn getäuscht, ihm eine Falle gestellt. Nun will der Junge kein Risiko eingehen. Er zieht die Pistole hervor, zielt auf ihn. Zorn und Hass, der durchlittene Schmerz, den der Mann ihm durch die Entführung zugefügt hat. Seine satanischen Spiele, sein hämisches Gelächter verfolgen den Jungen jede Nacht. Ihm wird klar, dass der Bärtige, selbst wenn er noch lebt, ihm niemals verraten wird, wohin er sie gebracht hat. Abdrücken. Mehrmals. Um sicher zu sein, nie wieder von ihm verfolgt zu werden. Der Junge steht unschlüssig da. Die Pistole in seiner Hand wie ein Stück glühende Kohle. Sein Zeigefinger am Abzug. Bellen. Sein Unterarm ist schwer. Er lässt ihn sinken. Dieses Stück Abschaum einfach liegen lassen. Bellen. Entschlossen wendet sich der Junge ab von ihm, verstaut die Pistole und läuft los.
Vor ihm der Obelisk. Die hellen Sportschuhe liegen da wie vom Winter vergessene Schneebälle. Er schlüpft hinein. Die Fußsohle brennt.
In einem großen Bogen weicht er dem Mann aus, rennt Richtung Golfplatz. Er stolpert über einen Rucksack. Er kennt ihn. Zweifellos gehört er dem Bärtigen. Hoffnung. Angst vor erneuter Enttäuschung. Er beschließt, ihn später zu durchsuchen, greift nach den Trägern und schiebt sie über die Schultern.
Geduckt verlässt er den Schutz der Bäume und Sträucher. Angst ist sein ständiger Begleiter. Die Fußsohle schmerzt. Er läuft an der Driving Range vorbei. Das Bellen wird lauter, als er sich dem Parkplatz hinter dem Klubhaus nähert. Eine Reihe geparkter Wagen. Der Labrador stürmt kläffend auf den Jungen zu, stoppt vor ihm.
Herumtreiber.
Er streicht über sein Fell, ist froh, das Tier wieder an seiner Seite zu haben. Unruhig tänzelt es um ihn herum, jault. Es läuft zu einem Van. Der Junge folgt ihm. Winselnd kratzt der Hund am Seitenfenster.
Sitz!, ruft er ihm zu.
Das Tier gehorcht. Der Junge versucht, in den Fond zu blicken. Auf der getönten Scheibe spiegelt sich Mondlicht. Er schirmt die Augen mit der Hand ab, beugt sich nahe zum Glas. Die Umrisse einer Frau sind erkennbar. Schwindel befällt den Jungen. Er lehnt sich mit dem Rücken gegen den Wagen. Sein Puls rast. Langsam dreht er sich wieder um, aufgeregt sieht er hinein. Flammen zucken ihm entgegen. Die roten Haare weich um ihr schmales Gesicht. Ungläubig betrachtet er es. Kann nicht fassen, sie gefunden zu haben. Mit Hilfe des Hundes.
Ein Lachen drückt sich aus seiner Kehle. Er kann es nicht erwarten, sie in den Arm zu nehmen. Rüttelt an der Fahrertür. Abgesperrt. Auch die anderen. Er öffnet den Verschluss des Rucksacks und leert dessen Inhalt auf den Boden. Ein Sweater, eine atlasgroße rechteckige Metallkassette und eine Füllfeder fallen auf den Asphalt. Im Seitenfach ein Bund mit drei Schlüsseln. Keiner von ihnen passt zum Van. Aus der Jeanstasche nimmt er die angebrochene Packung Pistazien, durchsucht sie. Ebenfalls kein Schlüssel. Nur ein Chip in einer Plastikfolie. Er steckt ihn in die Jeanstasche. Geht zu einem anderen Wagen, einem Oldtimer. Der Kofferraum klappt auf.
Mit dem Wagenheber in der Hand kehrt er zu dem bellenden Hund zurück. Das Bellen geht in ein Winseln über. Der Junge geht zum Seitenfenster. Er drischt mit dem Wagenheber auf die Scheibe ein. Die Alarmanlage bleibt stumm. Das Glas will nicht zerbersten. Er schwitzt. Nach einem kräftigen Schlag bildet sich eine spinnwebenartige Struktur. Ein weiterer Hieb, es entsteht ein Loch. Der Junge bückt sich nach dem Sweater und wickelt ihn um seine Hand und den Unterarm. Er tastet zum Öffnungsmechanismus. Die Tür springt auf. Darauf bedacht, den Splittern auszuweichen, zwängt er sich in den Fond und beugt sich zur Rothaarigen. Ihr vertrautes Gesicht. Vorsichtig tastet er über ihren Kopf. Ist erleichtert, dass er keine Verletzung feststellen kann. Auch ihr Körper ist unbeschadet. Sanft umarmt er sie.
Ich liebe dich, flüstert er.
Seine eigene Stimme fremd. Wie die drei Worte, die er noch nie zu ihr gesagt hat. Er erwartet nicht, dass sie darauf reagiert. Seine Hoffnung ist, dass sie es irgendwann tun wird. Davon ist er überzeugt. Er kann warten. Hat gelernt, geduldig zu sein.
Der Hund knurrt. Alarmiert wendet sich der Junge zu ihm. Er knurrt wieder und erhebt sich. Der Junge will das Tier beruhigen. Er sieht, wie es zwischen zwei Wagen verschwindet. Der Mond, einzige Lichtquelle, die den Parkplatz beleuchtet. Der Junge verfolgt, wie der Hund durch die offen stehende Tür im Inneren des Clubhauses verschwindet. Der Wind treibt eine leere Cola-Dose auf den Rucksack zu. Ein leises Klacken, als das Aluminium auf den Verschluss trifft. Schimmelgeruch weht aus den Müllcontainern, hinter Holzlatten verborgen. Der Junge kriecht zum Rucksack, streicht über die Metallkassette und steckt sie hinein. Er streift die Träger über die Schultern und steht auf. Ein kurzer Pfiff. Neben ihm erscheint der Labrador. Im Maul der Lederköcher mit zwei Pfeilen, die dem Bärtigen gehören. Er lässt ihn auf den Asphalt fallen, bellt. Ohne die offen stehende Tür des Clubhauses aus den Augen zu lassen, geht der Junge in die Hocke und tastet nach den Pfeilen. In einer Glasvitrine neben dem Eingang ein vergilbter Bogen Papier. Auf ihm die Ankündigung eines Sommerfestes. Schwarzgraue, sonnengebleichte Buchstaben vibrieren im Mondlicht. Der Junge atmet tief aus. Sein Kinn fällt auf die Brust. Das Sommerfest. Er sinkt auf den Boden eines Meeres. An einem der nächsten Tage ist sein zwanzigster Geburtstag. Algen schlingen sich um seine Arme, halten ihn auf dem Grund fest. Er wehrt sich nicht.
Der Hund zerrt an seinem Hosenbein. Der Junge schnappt nach Luft. Er hustet. Seine Fingerspitzen berühren die Pfeile. Wütend zerbricht er sie und schleudert sie weit von sich. Er wirft sich vor, nicht abgedrückt zu haben. Zu feige dafür gewesen zu sein.
Verschwinde! Lass dich nie wieder blicken!
Er lauscht. Nur das Hecheln des Hundes. Die offen stehende Tür des Clubhauses führt in ein schwarzes Loch. Weder ein Geräusch daraus zu hören, noch eine Bewegung zu erkennen. Panik. Die Rothaarige. Er muss sie in Sicherheit bringen. Der Junge läuft geduckt zu einer Schubkarre, die vor den Müllcontainern steht. Mit ihr kehrt er zum Wagen zurück. Die Rothaarige liegt unverändert auf der Rückbank. Er ist erleichtert. Unendlich langsam hebt er sie heraus und legt sie auf die Schubkarre. Er nimmt den Sweater, schüttelt ihn aus. Glasscherben fallen auf den Asphalt. Anschließend hebt er ihren Kopf an und schiebt den weichen Stoff unter ihren Nacken. Der Hund scharrt auf dem Boden.
Zwischen parkenden Wagen hindurch gelangen die drei zur Auffahrt. Hinter einer Windschutzscheibe sieht der Junge die Umrisse zweier Menschen. Er stellt die Schubkarre ab. Nähert sich. Seine Hand schiebt sich über das staubige Glas. Verschwommen erkennt er eine Frau und einen Mann. Er hat einen Arm um ihre Schulter gelegt. Ihre Fingerspitzen berühren seine Haare. Zärtlichkeit, Geborgenheit. Wie ein Fausthieb treibt sich dieses Bild in seine Magengegend. Brechreiz steigt in ihm auf. Er wendet sich ab, entfernt sich ein paar Schritte und übergibt sich. Der Hund dicht an den Oberschenkel des Jungen gepresst. Der Junge wischt mit dem Handrücken über den Mund. Ein wehmütiger Blick zum Wagen. Zum Liebespaar. Noch einmal hineinsehen. Für einen Wimpernschlag lang Anteil haben an diesem warmen Gefühl der Verbundenheit. Er seufzt. Dem Wimpernschlag folgt unweigerlich der Schmerz, Verzweiflung. Das tiefe Knurren des Hundes hilft ihm, sich loszureißen, erinnert ihn, dass er von hier verschwinden muss. Der Bärtige ist noch am Leben. Und gefährlich. Mit der Zunge fährt der Junge über seine spröden Lippen. Er streicht über das Fell des Hundes. Galliger Geschmack im Mund. Das breite elektrische Tor zur Auffahrt ist geöffnet. Er streicht sanft über die Wange der Rothaarigen, hebt die Schubkarre wieder an und rollt mit ihr aus dem Golfgelände.
Seit dem Morgen hat er weder gegessen noch getrunken. Er fühlt sich matt. Er versucht, sich zu orientieren. Ist hilflos in der Dunkelheit, findet keinen Anhaltspunkt. Zu viel hat sich verändert, seit er zuletzt hier gewesen ist.
Der Hund wendet sich nach rechts. Der Junge folgt ihm. Neben der Straße eine dichte Hecke. Seine Schritte hallen auf dem Asphalt. Die Schubkarre mit der Rothaarigen darauf. Immer wieder bleibt er stehen, lauscht. Er strengt sich an, seinen gehetzten Atem unter Kontrolle zu bringen. Er kommt nur langsam vorwärts.
Auf einer mit Efeu überwucherten Stange, die sich aus dem Absatz einer Böschung erhebt, ein Schild. Nur ungenau kann der Junge den Aufdruck erkennen. Es ist die Werbung für ein Hotel am Stadtrand. Er ist hungrig, hat Durst. Und ist müde. Irgendwo Unterschlupf finden für diese Nacht. Endlich wieder durchschlafen, mit ihr an seiner Seite. Ohne aus wirren Träumen aufzuschrecken, in denen er vergeblich nach ihr sucht.
Der Junge, die Rothaarige und der Hund bewegen sich in südliche Richtung auf die Vororte der Stadt zu.


***


DER MANN GÄHNTE, hob die Arme und räkelte sich. Es war knapp vor acht Uhr morgens. Sein linkes Bein war eingeschlafen. Er streckte es unter dem Schreibtisch aus. Die ganze Nacht hindurch hatte er die Aktienkurse des vergangenen Tages auf den Computern verglichen. Seine Augen brannten. Das Fläschchen mit den Tropfen war leer. Er schälte einen Kaugummi aus der Verpackung, schob ihn in den Mund und zerknüllte das Stanniolpapier. Mit Daumen und Zeigefinger schnippte er die kleine Kugel Richtung Papierkorb, den er verfehlte.
Durch einen Spalt des Vorhangs fiel trübes Licht. Zufrieden blickte er auf die Tabellen im Computer. Er hatte hohe Gewinne erzielt. Mit kreisenden Bewegungen massierte er die Schläfen. Die Prognosen hatten ins Schwarze getroffen. Seine Firma konnte expandieren. Er schlug den Timer auf. Die Videokonferenz mit seinen Managern war für den Nachmittag geplant.
Der Mann drückte auf die Gegensprechanlage, die ihn mit der Küche verband, und wünschte seiner Frau einen guten Morgen. Sie antwortete nicht. Bloß ein leises Rauschen aus der Anlage. Sie musste längst munter sein, das Frühstück für die beiden Kinder zubereitet und sie zur Schule geschickt haben.
Er fuhr den ersten Computer herunter, wandte sich zum nächsten. Die Schreibtischlampe ging aus und der Bildschirm des zweiten Gerätes verdunkelte sich. Er fluchte. Erneut drückte er auf die Gegensprechanlage. Sie funktionierte nicht.
Schwungvoll erhob er sich aus dem Sessel und verließ das geräumige Arbeitszimmer. Er betrat den Verbindungsgang, der in die Wohnräume des Penthauses führte. Dämmriges Licht. Der Bewegungsmelder reagierte nicht.
Er gelangte in die Küche. Es roch nach frischem Kaffee. Seine Frau hatte die Maschine vorprogrammiert. Er schmunzelte, freute sich über diese Aufmerksamkeit.
Ein Blick aus dem Fenster des neunten Stockwerks. Dunkle Wolken. Gleich würde es regnen. Bestimmt hatte seine Frau die Kinder mit dem Wagen zur Schule gebracht. Sie hatte ihn nicht stören wollen. Auf dem Küchentisch kein Zettel mit einer Nachricht. Er gähnte erneut und beschloss, sich auf die Ledergarnitur im Wohnzimmer zu legen, bei den Nachrichten im Fernsehen ein wenig zu schlafen. Er spuckte den Kaugummi in die leere Obstschüssel. In seinen Ohren surrte es. Das kam vom Schlafmangel. Ein, zwei Stunden würden genügen, um ihn wieder auf die Beine zu bringen. Danach wollte er duschen und sich auf die Videokonferenz vorbereiten.
Er nahm die Fernbedienung vom Kaminsims. Der Fernsehapparat ließ sich nicht einschalten. Er drückte auf den Knopf der Stehlampe. Nichts. Der Sicherungskasten befand sich auf dem Gang. Er wollte sich später darum kümmern, legte sich auf die Ledergarnitur und schloss die Augen. Kurz überlegte er, seine Frau auf dem Mobiltelefon anzurufen. Er verwarf den Gedanken gleich wieder. Die Freisprechanlage im Wagen war defekt. Zu gefährlich, wenn sie das Gespräch dennoch annähme.
Ein Schweißfilm auf seinem Gesicht. Wieder ein heißer Sommertag. Ihm fiel ein, dass Ferien waren, die Kinder schulfrei hatten. Die viele Arbeit hatte ihn um jegliches Zeitgefühl gebracht. Er öffnete die Knöpfe des Hemdes, zog es aus und wischte damit über seine Stirn. Auch die Aircondition war außer Betrieb. Er war unendlich müde. Was für eine wunderbare Ruhe, dachte er, bevor er einschlief.


DIE AUGEN der älteren Frau brannten, als sie zu ihrem Spind im Aufenthaltsraum des Krankenhauses ging. Müde bewegte sie sich vorwärts. Ihre Waden schmerzten. Die Nachtdienste machten ihr mit zunehmendem Alter sehr zu schaffen.
Sie öffnete den Spind und nahm ihre Straßenkleidung vom Haken. An der Innentür klebten zwei Fotos. Eines zeigte ihre Tochter und das Enkelkind. Das andere ihren Mann, mit dem sie dreißig Jahre verheiratet gewesen war. Er war vor einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Mit dem Zeigefinger strich sie über das Bild.
Es war schwierig gewesen, in ihren einstigen Job als Krankenschwester zurückzukehren. Sie glitt aus der verschwitzten Arbeitskleidung, stopfte sie in den Wäschekorb und schlüpfte aus den Schuhen. Der Boden war angenehm kühl. Sie zog das kurzärmelige Kleid über den Kopf und schloss den Reißverschluss. Die Unterlagen, die sie für den Fortbildungskurs benötigte, den sie jeden Dienstag und Donnerstag besuchte, schob sie in die Handtasche.
Vom Fenster drang Morgenlicht in den Raum. Es würde bald regnen. Sie griff nach dem Schirm, den sie im Spind verstaut hatte, und glitt in die Straßenschuhe. Ein Blick in den Spiegel, der über dem Waschbecken hing. Sie zupfte ihre kurzen Haare in Form. Weiße Strähnen durchzogen den braunen Schopf. Die Neonröhre flackerte unruhig und verlosch. Ein ohrenbetäubender Knall drang aus der Richtung des Helikopterlandeplatzes bis zu ihr in den Aufenthaltsraum. Sie wandte sich zum Fenster. Wegen der Klimaanlage war es verriegelt. Sie presste die Wange gegen die Scheibe, wollte auf den Landeplatz links vom Gebäude des Krankenhauses schauen. Von diesem Winkel aus gelang es ihr nicht, etwas zu erkennen.


DER JUNGE STAND im Hinterhof des Supermarktes zwischen zwei Müllcontainern versteckt. Er setzte die Kopfhörer seines Mobiltelefons auf und aktivierte den MP3-Player. Vorsichtig zog er das Band aus seinen Rastalocken und steckte es in den Arbeitsmantel. Er hasste dieses ziepende Ding in den Haaren, aber der Filialleiter bestand darauf. Hygiene hat oberste Priorität, war einer seiner Standardsätze.
Der Junge sah auf seine digitale Armbanduhr, 7 Uhr 56, 25.?Juli. Übermorgen war sein neunzehnter Geburtstag.
Er war müde, hatte kaum geschlafen. Nach einem Blick zur geschlossenen Tür des Hintereingangs zündete er sich eine Zigarette an. Er drückte sich an die Wand. Arbeitsbeginn um 6 Uhr 30. Eindeutig zu früh für ihn. Der Filialleiter bestand auf Pünktlichkeit. Und er zählte die Minuten, die seine Angestellten auf der Toilette verbrachten, und kontrollierte mit einer Stoppuhr die Pausen.
Der Junge nahm einen tiefen Zug. Der Streit mit seiner Mutter. Sie war gestern Abend ausgeflippt. Abgesplitterter Lack und eine Delle auf dem Kotflügel ihres Cabriolets, das er sich ohne ihr Wissen geliehen hatte, um mit seinen Freunden zum Golfplatz zu fahren. Er hatte beim Ausparken die Stange eines Schildes gestreift. Lächerlich. Sie tobte, schrie ihn aufgebracht an. Der Stiefvater wollte schlichten, was seine Mutter noch ärgerlicher machte. Schließlich hatten sich die beiden in den Haaren. Und der Junge verließ das Haus, ohne dass sie es bemerkten. Er fuhr mit seinem Motorrad, ein vorzeitiges Geburtstagsgeschenk des Stiefvaters, in die Innenstadt. In seinem Stammlokal traf er die Freunde und hing die halbe Nacht mit ihnen herum.
Der Junge mochte seinen Stiefvater. Obwohl ihm nicht passte, dass er diesen Ferienjob im Supermarkt angenommen hatte, hatte er ihn nicht davon abgehalten. Der Junge warf seine Rastalocken in den Nacken. Sein Stiefvater war Oberleutnant. Der Junge sollte unbedingt auf die Militärakademie gehen. Auf keinen Fall. Er hatte andere Pläne.
Der Junge drehte den MP3-Player lauter. Der Filialleiter hatte ihn ins Vorratslager geschickt, um eine Ladung Kartons mit Waschpulver zu holen, und würde ihn so bald nicht vermissen.
Der Junge hockte sich auf eine Holzkiste, hieb verärgert darauf ein. Wegen des Waschpulvers hatte er heute bestimmt das rothaarige Mädchen verpasst, das er endlich ansprechen wollte. Seit einer Woche kam sie jeden Morgen in den Supermarkt. Er sah wieder auf die Uhr. Eine Minute vor acht. Noch vier Stunden bis zur Mittagspause. Ein Blick zum Himmel. Es würde bald regnen, hoffentlich etwas abkühlen. Im Supermarkt war die Temperatur wegen der Lebensmittel immer konstant.
Der Junge hörte einen seiner Lieblingssongs und klopfte im Takt auf seinen Oberschenkel. Da verstummte der MP3-Player. Er hatte sich das Mobiltelefon erst vor drei Wochen organisiert. In der technischen Abteilung des Supermarkts gab es eine große Auswahl der besten Geräte. Er würde sich ein neues besorgen. Zufrieden nahm er einen Zug. Schließlich arbeitete er in einem Selbstbedienungsladen. Und er kannte die Hausdetektive. Der Junge lachte.


ZEITIG AM MORGEN zog die Frau die Tür hinter sich ins Schloss. Sie hatte verschlafen und war spät dran. Es war schummrig im Stiegenhaus. Durch ein Gangfenster erkannte sie dunkle Wolken. Wieder ein Sommergewitter. Sie drückte auf den Lichtknopf. Nichts. Sie versuchte es erneut, stellte genervt fest, dass der Strom ausgefallen war, genau wie in ihrer Wohnung. Die Kaffeemaschine hatte den Dienst verweigert. Sie hatte kein Taxi rufen können. Gestern Abend war ihr Mobiltelefon von der Ablage in die wassergefüllte Wanne gerutscht. Am Flughafen musste sie ein neues kaufen.
Ein Blick zur Tür des Nachbarn. Bestimmt beobachtete er sie wieder durch den Spion.
Der Aufzug funktionierte nicht. Sie schnappte den Trolley und lief die Stufen hinunter. Sie würde ihren Flug versäumen.
Ihre Stöckel hieben auf den Steinboden ein. Ein Geräusch, das sie kannte. Trotzdem kam es ihr heute fremd vor. Sie blieb stehen und lauschte. Der Fernseher des Schwerhörigen, der neben dem Ausgang wohnte. Das Gerät lief stets auf höchster Lautstärke und dröhnte bis auf den Gang hinaus. Ganz gleich, ob es Tag oder Nacht war. Nun vermisste sie den Lärm. Irritiert klopfte sie an die Tür. Ihre Handtasche rutschte von der Schulter. Der Katalog für die Modenschau. Sie hatte vergessen, ihn einzustecken. Rasch lief sie, den Trolley holpernd über die Stufen ziehend, ins dritte Stockwerk zurück.


DER BÄRTIGE ERWACHTE. Was für eine Nacht. Jeder einzelne seiner Knochen schmerzte. Als würden sie bloß liegen und ein Orkan, gespickt mit Reißzwecken, über das Skelett hinweg toben. Ein Ziehen, ein Pulsieren in seinem Nacken, als hingen Blutegel daran. Die Verspannung war kein Wunder, bei dieser unbequemen Liegestatt. Die ausgeleierten Sprungfedern der schmalen, schlecht gepolsterten Sitzbank drückten sich in seinen Rücken. Er setzte sich auf. Abgestandene Luft mit kaltem Rauch vermischt. Es war stickig im Restaurant. Hierher flüchtete er immer, wenn er Streit mit seiner Freundin hatte.
Der olivgrüne Samtvorhang war einen Spalt weit offen. Die Zeiger der Uhr auf der mit Blumen tapezierten Wand standen auf acht.
Der Bärtige hielt sich den dröhnenden Kopf. Schaler Geschmack im Mund. Vor ihm auf dem Tisch ein trübes Glas, daneben eine leere Rotweinflasche. Ein Aschenbecher, in dem sich Kippen häuften. Es war ruhig. Bedrückend. Kein Hupen, Aufbrummen von Motoren, Stimmengewirr von Passanten. Ihm fehlte der vertraute Geräuschpegel. Fest stampfte er auf. Es hallte in seinen Ohren. Staub flirrte in der Luft, senkte sich glitzernd zurück in die Rillen des Holzbodens. Das Gesicht seines Kollegen in der Maserung. Für einen Moment real. Der bärtige Mann griff sich auf die Nasenwurzel, presste Daumen und Zeigefinger dagegen, bis es schmerzte. Dann tastete er über den Verband auf seiner Stirn. Etwas Blut war durchgesickert, die Wunde musste in der Nacht aufgebrochen sein. Die rechte Augenbraue war verkrustet. Ein Cut. Nicht mehr als ein Cut. Er war nicht genäht worden. Keine Zeit dafür. Unwichtig. Nur ein Cut.
Er verlagerte sein Gewicht, streckte die Beine aus und stieß mit den Fußspitzen gegen seinen Rucksack, der seitlich neben der Sitzbank lehnte. Langsam beugte er sich zu ihm hinab, tastete nach den Trägern und zog ihn zu sich. Ein Zögern. Ein mulmiges Gefühl. Wenn er es jetzt nicht tat, würde er es nie mehr tun. Er griff zum Verschluss. Ungewaschene Sweater, Jeans, Unterwäsche. Dazwischen eingebettet sein Mobiltelefon. Er hatte es gestern abgeschaltet. Daneben eine angebrochene Packung mit gesalzenen Pistazien. Er nahm zwei Kleidungsstücke heraus und rollte sie zusammen. Wackelig kam er auf die Beine und schob den Tisch zur Seite. Anschließend rückte er die Sitzfläche der Nachbarbank eng an seine heran. Er blickte auf die Liegestatt. Das hätte ihm bereits heute Nacht einfallen sollen. Nicht weicher, aber wenigstens breiter und damit gemütlicher.
Die Zeiger der Uhr standen noch immer auf acht. Der Schmerz in ihm hatte ihn in ein Vakuum versetzt und die Zeit angehalten. Das Restaurant öffnete um zehn. Er hatte noch zwei Stunden, um den versäumten Schlaf der vergangenen Tage nachzuholen. Der Besitzer, ein Freund, würde ihn rechtzeitig wecken. Er streckte sich auf dem provisorischen Bett aus und schob die Kleidungsstücke unter den Nacken. Schlafen. Vergessen. Abdriften. Irgendwo versinken. Nein. Nicht irgendwo, sondern in den Armen einer Frau. Ihr forderndes Flüstern, während er sie küsst und in sie eindringt. Ihre sich an Leidenschaft steigernden Schreie, die sie dem Höhepunkt näherführen. Der Geruch nach Schweiß, dem kein Parfum gleichkommt. Ausschalten von Gedanken. Nur mehr fühlen. Ein Vibrieren, das den Körper bis in die letzte Faser sich selbst spüren lässt. Ihre weichen Brüste, deren harte Spitzen auf seine treffen. Er seufzte wohlig. Seine Hand glitt zum Hosenbund und öffnete ihn.