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In dieser Rubrik können Sie monatlich ein Kapitel eines ausgewählten Titels lesen.



Elisabeth Jupiter
No, warum nicht?
Der jüdische Witz als Quelle der Lebenskunst

116 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85452-667-4
16,90 Euro inkl. MWSt. Neu



Leseprobe

Einleitung

Es gibt ja wirklich unendlich viele Vorurteile gegen Juden, zum Beispiel jenes, das im folgenden Witz beschrieben ist:


Ein Christ fragt einen Juden: »Warum beantwortet ihr alle Fragen mit einer Gegenfrage?« – »No, warum nicht?«


Und warum erzähle ich hier jüdische Witze? Na, warum soll ich keine jüdischen Witze erzählen, wo doch die Weisheit dieser Witze alle Lebensbereiche umfasst?
Der jüdische Humor spiegelt den Geist und das Herz des jüdischen Volkes. Er reflektiert seine Freuden und Sorgen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Am besten zeigt er jedoch den Willen, über sich selbst zu lachen, eine Fähigkeit, die den Juden half, Jahrhunderte der Verfolgung zu überstehen und dabei ihr Gesicht zu wahren.
Es gibt in Fachkreisen, wobei nicht ganz klar ist, um welches Fach es sich da handelt, Diskussionen darüber, ob nur die Juden so virtuos Witze über sich selbst machen können oder ob auch andere Religionen oder Volksgruppen Witze kultivieren, die die eigenen Schwächen aufs Korn nehmen.
Bei den Christen gibt es wahrscheinlich diese Autoironie, ich denke da besonders an die Filmklassiker mit Don Camillo und Peppone. Witze direkt sind mir allerdings noch nicht viele erzählt worden. Vielleicht habe ich dafür auch den falschen Umgang!
Also bleiben wir vorläufig dabei, dass es eine Spezialität des jüdischen Volkes und ein Charakteristikum seines Humors ist, sich seiner eigenen Schwächen so schmerzlich, aber gleichzeitig auch so genüsslich bewusst zu sein. Dabei kommt auch der jüdische Witz nicht darum herum, manche Praktiken des Christentums als erzählens- und bestaunenswert zu finden.


Ich widme dieses Buch meinem Vater, der 1994 verstorben ist und dessen unerschöpfliches Reservoir an Witzen den Grundstein für dieses Buch gelegt hat. Seine Lebenslust und sein Humor haben ihm geholfen, die Schrecken von Auschwitz und Ebensee zu überwinden. Es gibt Berichte von Überlebenden aus den Lagern, die meinen, dass nur der Humor sie am Leben gehalten habe. Der Humor als Ressource für den ungebrochenen Überlebenswunsch. Nicht mehr lachen zu können wäre für sie so gewesen, wie das Leben verloren zu haben. So erzählt ein ehemaliger KZ-Häftling, dass die gemeinsame Latrine ohne jegliche Hygiene und Intimität dem Austausch von Neuigkeiten diente und deshalb »Radio Tuches*« genannt worden war. Psychoanalytisch betrachtet ist der Humor ein Abwehrprozess von unerträglichen Situationen, die er zum Beispiel als Witz in eine aushaltbare Form bringt.
Sinn für Humor, die Liebe zum Lachen und die Größe des Selbstwertgefühls stehen in einem Zusammenhang. Vielleicht ist auch das eine Basis für den Antisemitismus. Logisch kann man ihn nicht erklären, denn die Juden wurden ja zu Tausenden und zu Millionen umgebracht, weil sie den Antisemiten zufolge Jesus ermordet hätten oder zu arm seien oder zu reich, weltverschwörerische Kapitalisten, weltzersetzende Bolschewiken oder weltbeherrschende Ostküstenbewohner. Mit Logik kommt man hier nicht weiter. Jeder Rassismus und daher auch der Antisemitismus hat irrationale, emotionale Wurzeln. Eine dieser Wurzeln könnte der Neid sein. Der Neid auf die Fähigkeit, im großen Leid noch das Komische zu finden und ein Selbstwertgefühl in die Wiege gelegt bekommen zu haben, das Stärke, Kraft und Humor mit sich bringt.
Natürlich ist mein zweiter Vater, nämlich der geistige, Sigmund Freud. Aus seiner Studie »Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten« habe ich viel schöpfen können. Ich will hier auch nicht der großartigen Salcia Landmann Konkurrenz machen, deren Anthologie einen Ehrenplatz auf meinem Nachttisch hat.
Mit einem Lächeln auf den Lippen einzuschlafen, beeinflusst die Gehirnaktivität jedenfalls positiv, ein Witzbuch als Bettlektüre lässt einen also gut träumen und erfrischt wieder aufwachen.


1. Eltern und Kinder


Ich beginne mit dem, womit wir ohne Zweifel alle unser Leben beginnen, obwohl …


Ein katholischer Pfarrer, ein protestantischer Pastor und ein Rabbi diskutieren über die Frage, wann das Leben beginnt.
Der Pfarrer sagt: »Im Moment der Zeugung«, der Pastor meint: »Im Moment der Geburt.«
Der Rabbi überlegt, dann sagt er: »Das Leben beginnt, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund tot ist.«



Das war ein kurzer Ausflug zu unseren Ursprüngen; unser Leben beginnt bekanntlich so richtig mit dem Kindsein, was unweigerlich zur Folge hat, dass wir auch mit Eltern konfrontiert sind. Ein riesiges Reservoir für Witze. Woody Allen hat seine Mutter ja sogar aus dem Himmel zu sich sprechen lassen. Es hört also nie auf. Über-Ich und so …
Als Psychotherapeutin sitze ich an der Quelle unerschöpflicher Geschichten über Eltern, die jeden Witz neben sich verblassen lassen. Fest steht, die Eltern ruinieren uns, ebenso fest steht aber, ohne Eltern sind wir ruiniert!
Der Witz wird immerhin nach dem Traum als zweiter Königsweg zum Unbewussten bezeichnet. Aber im Gegensatz zum Traum hat der Witz ein kommunikatives Element. Gemeinsam haben Witz und Traum mehrere Aspekte: die Verdichtung, Mischwörter, den Doppelsinn, und sie sind mindestens zweideutig. Vor allem eint sie die Kreativität und der überraschende Ausgang. Ein typisches Beispiel für die Verdichtung:


Im Hotel fragt Grün den Blau: »Hast du ein Bad genommen?« Antwort: »Wieso, fehlt eines?«


Die Verdichtung mündet in der unerwarteten Pointe. Und das ist es, was uns sowohl beim Witz als auch beim Traum direkt und ohne große kognitive Leistungen zum Verständnis von unbewussten Inhalten führt.
Am Ende bringt uns der Witz immer einen Lustgewinn. Einerseits auf rein physiologischer Basis, denn lachen ist bekanntlich gesund. Es verringert die Herzrate, vergrößert das Volumen der Gefäße, senkt so den Blutdruck, massiert durch das Zwerchfall alle inneren Organe und öffnet auch die Bronchien. Andererseits aber produziert es den Lustgewinn auch auf psychischer Ebene, denn niemand kann behaupten, dass er sich lachend nicht wohlfühlen würde.
Aber zurück zur jüdischen Kindheit. Das jüdische Kind ist ja nicht bloß ein weiterer Erdenbürger, sondern im besonderen Maß der Stolz und Hoffnungsträger seiner Eltern und Großeltern:


Drei alte Damen sitzen im Kaffeehaus und packen die Fotos ihrer Enkerl aus. »Entzückend«, sagt die eine zu ihrer Sitznachbarin. »Wie alt sind die beiden denn jetzt?« – »Der Rechtsanwalt ist vier und die Ärztin zwei.«


In diese Kerbe schlägt auch der folgende Witz:


Zwei Großmütter treffen sich beim Spazierengehen. Eine schiebt einen Kinderwagen, in den die andere hineinschaut und fragt: »Kann er denn noch nicht gehen?«
Worauf die erste antwortet: »Bei dem Geld, was sein Vater hat, wird er nie gehen müssen.«



Das Interessante am jüdischen Witz ist, dass er sich fast nie über andere lustig macht; wie gesagt »fast«, denn manchmal sind andere Sitten und Gebräuche nahezu ebenso befremdlich wie die eigenen Neurosen. Die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, hat eine unglaublich gute psychohygienische Wirkung. Viktor Frankl sagte zu seinen Angstpatienten, sie sollten ihren Symptomen nicht nur ins Gesicht schauen, sondern auch ins Gesicht lachen.


Aber kommen wir zurück zum Leben als jüdisches Kind von zwei bis sechzig Jahren.


Kennen Sie eigentlich den Unterschied zwischen der italienischen Mamma und der jüdischen Mamme? Die italienische Mamma sagt zum Kind: »Wenn du die Suppe nicht isst, bring ich dich um.«
Die jüdische Mamme sagt dem Kind: »Wenn du die Suppe nicht isst, dann bring ich mich um!«



Bei der Beschäftigung mit der österreichischen Seele kommt in mir der schreckliche Verdacht auf, dass so manche ländliche Mutter die zweite Möglichkeit ernsthaft in Betracht ziehen könnte.


Und den Unterschied zwischen einem palästinensischen Terroristen und einer jüdischen Mamme, kennen Sie den? Mit Ersterem kann man manchmal verhandeln!


No, da kann man schon ein bisschen neurotisch werden; es muss ja noch einen anderen Grund geben, warum so viele jüdische Ärzte Psychiater werden, außer dem, dass sie kein Blut sehen können.

Double Bind ist ein Begriff aus der Psychiatrie und erleichtert bei vorhandener Disposition auch das Auftreten von schizophrenen Krankheitsbildern. Er beschreibt die lähmende Bindung an paradoxe oder widersprüchliche Botschaften. Im Folgenden einige Beispiele, wie virtuos jüdische Mütter dieses vereinnahmende Instrument beherrschen:


Die Tochter, die in Los Angeles lebt, ruft ihre Mutter in New York an und sagt ihr: »Mammilein, ich habe gute Nachrichten, ich bin sehr verliebt!« – »Ah, endlich, das freut mich aber sehr!«
»Aber da wäre noch etwas. Vielleicht freust du dich weniger, wenn ich dir sage, dass er ein Schwarzer ist.« – »Na und, wenn du ihn liebst, ist er sicher ein intelligenter, netter, anständiger Mensch.«
»Ja, das schon. Aber weißt du, im Moment hat er leider keine Arbeit.« – »No, er ist sicher gebildet und wird bald wieder etwas finden.«
»Na ja, das ist gar nicht so einfach, und dazu kommt ja noch, dass ich schwanger bin.« – »Masel tov, ich werde Großmutter, ich freu mich wahnsinnig!«
»Freu dich nicht zu früh, denn wir haben noch das Problem, dass wir unsere Wohnung verloren haben.« – »No, wo ist da das Problem, ich schick euch Tickets und ihr wohnt bei mir in New York.«
»Aber Mammilein, deine Wohnung ist doch nicht groß genug für uns alle.« – »Aber sicher, weil nach dem Telefonat häng ich mich sowieso auf.«



In diesem Witz sind die Hinweise auf das Unbewusste natürlich besonders offensichtlich. Aber im Unterschied zum Traum gibt es beim Witz keinerlei Zensur. Erzähler und Zuhörer lachen im wahrsten Sinne des Wortes »unverschämt«.


Frau Kohn ruft ihre beste Freundin an und fragt. »No, wie geht’s mit den Kindern?« – »Gut danke, alles bestens.« – »Und dein Mann, hat er sich schon beruhigt?« – »Ja, alles wunderbar!« Darauf die Anruferin: »Ah, ich merke, du hast Gäste, telefonieren wir später!«


Man hat es ja wirklich nicht leicht mit den Kindern:


Drei Damen sitzen im Café. Da beginnt die Erste: »Oj weh, oj weh!« Dann die Zweite: »Was soll man nur machen, was soll man nur machen?« Dann die Dritte: »Na ja, ach ja, ach Gott!« Dann wieder die Erste: »So jetzt haben wir aber genug über die Kinder gesprochen!«


Jüdische Kinder haben es auch nicht leicht, es ihren Müttern recht zu machen. Nicht nur weil die Erwartungen an sie so hoch sind (ich erinnere an den vierjährigen Anwalt), sondern auch, weil die Mütter so schwer glücklich zu machen sind.


Die Mamme schenkt ihrem Sohn zum vierzigsten Geburtstag zwei Krawatten, eine blaue und eine rote. Als er sie das nächste Mal besuchen kommt, denkt er vorher daran, ihr eine Freude zu machen, und bindet sich die blaue Krawatte um. Er läutet, die Mamme macht auf, sieht ihn an und sagt traurig: »Und die rote gefällt dir nicht?«