Leseprobe
Die Verbindung mit Quemquemtréu kam sofort zustande. Rotraud Lagler war am Apparat. »Martin, wie schön dass Sie uns …« Ob er zu dieser späten Stunde noch mit seiner Mutter sprechen könne, unterbrach er ihren voraussehbaren Wortschwall. Im Hintergrund hörte er Stimmen und Musik, es klang wie ein Wiener Walzer.
Rotraud lachte. »Aber ja, wissen Sie, wir sitzen gerade mit den Königsbergern in der Küche und spielen Mensch ärgere Dich nicht … Und staunen Sie, Herr Doktor: Ich bin am Gewinnen! Komm, Clementine! Es ist dein Martin.«
Das Kichern verlor sich und Martin vernahm plötzlich das schwere, tiefe Atmen seiner Mutter. Es hörte sich unheimlich nahe an. »Na endlich. Was ist los, mein Sohn, wo bist du?«
»Mama, Katha und ich sind am Meer. Heute übernachten wir in Puerto Pirámides, auf der Halbinsel Valdés …«
»Aber das ist doch am anderen Ende der Welt! Ist euch etwas passiert?«
Siebenhundert Kilometer trennen die patagonische Küste von der Ortschaft in den südlichen Kordilleren nahe der Grenze zu Chile: neun Autostunden, tausend Meter Höhenunterschied, eine mit Felsbrocken übersäte Steppe, dann kahle Tafelberge; schließlich die immensen Wälder vor den schneebedeckten Gipfeln. Martin sah die Wohnküche auf der Farm lebendig vor sich, die ersten Sommergäste von Rotraud und Treugott Lagler, wie sie um den großen Esstisch vor dem Brettspiel saßen und um ihr Leben würfelten.
»Nein, gar nichts ist passiert. Buenos Aires haben wir wie geplant im Morgengrauen verlassen. Vorgestern habe ich Katha aus der Klinik geholt. Ich habe ihr aber fest zusichern müssen, hier und in Gaimán zu unterbrechen. Sie ist jetzt auf einem Lady-Di-Trip. Der Arzt hat unserem Umweg zugestimmt, schon aus therapeutischen Gründen.«
»Also erklär mir jetzt bitte sofort diese neueste Spinnerei dieses Mädchens!«, rief die Mutter in barschem Befehlston.
»Mama, ich erzähle dir alles, sobald wir uns sehen. Das würde jetzt zu lang werden. Morgen früh fahren wir aufs Meer hinaus, um Wale zu sichten. Es gibt da einen Fremdenführer, der mit ihnen sprechen kann. Jedenfalls behauptet er das. Und dann geht es gleich weiter nach Gaimán, zur Princess of Wales.«
»Jetzt hör doch auf damit!«, unterbrach ihn die Mutter. »Mach diese Verrücktheit nur nicht wieder mit, Martin. Was versprichst du dir davon? Ein sauberes Paar: das durchgedrehte Tschapperl und ihr depperter Begleiter, der Herr Professor …« Der Mutter schien in der aufgeregten Rede die Luft auszugehen. »Wann seid ihr endlich bei uns?«, keuchte sie.
»Übermorgen, Mama, übermorgen. Ich habe morgen Abend noch ein ganz wichtiges Treffen mit der Mapuche-Gemeinde in Huemules; es geht um Landeigentum. Und du weißt ja, an der Silvesterfeier bei den Laglers liegt mir nichts. Deinen Freund Königsberg habe ich sowieso erst vorige Woche wieder besucht.«
Eine Pause. Im Hintergrund weiterhin dieser Walzer – den kannte er zur Genüge. Wiener Blut, Wiener Blut …
»Na, dann immer hin zu deinen Indianern. Die gehören wenigstens zu deinem Beruf.«
Ihr Ringen um Luft hörte sich beängstigend an. War er nicht zu direkt, zu grob gewesen mit der alten Dame? Aber sie hatte noch genug Schwung, um fortzufahren. »Dass du mir ja nicht bei meinem Geburtstag fehlst. Am ersten Ersten Zweitausend. Mein neunzigster – und sicherlich mein letzter … Hoffentlich!«
»Mama, noch lange nicht. Wie geht es dir denn sonst?«
»Na weißt du, der Lindenbaum steht wieder in voller Blüte, Martin … Herrlich, dieser Duft! Das ist keine Zimmerlinde. Siegmund Rohr, der alte Filou, kommt zum Fest, die Ciriglianos auch, Elias und Gretl sind ja schon hier – und, zum ersten Mal, ein Ehepaar Krohn.« Sie senkte die Stimme, sodass Martin sie nur mit Anstrengung verstehen konnte. »Weißt ja eh – Gretls Neffe. Der Zahntechniker. Aus Israel. Aber sehr nette Juden. Nur, die Frau versteht blöderweise kein Wort Deutsch.« Und gleich darauf wieder ziemlich laut: »Dein Sohn Gabriel wird dieses Mal wie ein Erzengel auf seinem Drachen vom Himmel herunterschweben – das hat er mir versprochen. Und der gute Treugott wird uns wieder das traditionelle Lamm zubereiten. (›Das Lamm muss ich erst noch schlachten!‹, hörte Martin den Farmer aus der Tischrunde herüberrufen.) Seine Rotraud sorgt für die Mehlspeisen und Salate – und unser weiser Dr. Königsberg wird natürlich zu allem seinen Senf geben.«
Wieder Schweigen, Walzer, Gekicher. Sie hat sich wohl der Tischrunde zugewandt, dachte Martin – und erschrak, als er die Mutter wutbebend in sich hineinsprechen hörte: »Ja, Fickramichel!« Es kam unterdrückt aus der Hörmuschel, leise, doch ganz real, und nochmals, falls er an der Unflätigkeit gezweifelt haben sollte: »Fickramichel!« Ein Kehllaut, wohl nur für ihn hörbar. Und dann verstand er, was die Mama so außer sich gebracht hatte, denn sie kommandierte laut: »Rotraud, dass du mir ja nicht den Läufer rausschmeißt, zähl noch einmal!« Es klickte. Clementine Holberg hatte ihren Sohn vergessen und einfach aufgelegt.
Martin rief nicht wieder an – er wollte das Mensch ärgere Dich nicht kein zweites Mal unterbrechen. Wie er diese Abende auf dem Tilo-Hof doch kannte! Anfangs roch es in der großen Wohnküche immer noch nach dem abgeräumten Abendessen, nach deftiger Südtiroler und böhmischer Kost, oder nach Rotrauds patagonischen Varianten, und bald darauf duftete es nach Pfefferminztee, den die vom Lachen geschüttelte Wirtin den Gästen braute, »zur besseren Verdauung«, wie sie ihnen versicherte und dabei anzüglich ihren Steiß nach hinten reckte. Da saßen sie dann alle zusammen: Treugott, der Bergbauer mit seinem Fidel-Castro-Spleen; Elias Königsberg, der greise Psychiater und Weltmann mit seiner oft händeringenden Ehefrau Gretl; und Mutter Clementine, herrisch die Spielszene überwachend. Er versuchte, sich seine Katha in diese Runde hineinzudenken – oder auch Gabriel, den Sohn, der vor zwei Jahren ohne ein Wort des Abschieds die Wohnungstür hinter sich zugeschlagen hatte und seither nichts mehr von sich hören ließ. Die Vorstellung war bedrückend.
Kein Internetanschluss für seinen Laptop. Das hätte er voraussehen können. Hier, südlich des zweiundvierzigsten Breitengrads, begann die Kommunikationswüste. Man war auf wenige Oasen wie Luxushotels oder Internetcafés angewiesen. Aber er wusste auch dies: Sehr bald würde ihm selbst in Patagonien das ständige Bedürfnis abhanden kommen, weltweit Verbindungen herzustellen, die New York Times zu lesen und wichtigen Infos nachzujagen. Das kam alles von sehr weit her. Hier betrat man die Einsamkeitsgesellschaft.
Immerhin konnte er dann doch im Büro hinter der Rezeption eine Mail an den Bürgermeister von Huemules, Ingenieur Jorge Jones, aufsetzen: Erst morgen, am 31. Dezember, werde er eintreffen. Die Sitzung mit den Vertretern der Mapuche-Gemeinde sei für neunzehn Uhr anberaumt. Das Projektdokument, das er und sein Team im Auftrag der Stiftung Boden und Frieden und der UNDP ausgearbeitet hätten, liege den Sprechern der Indigenen seit zwei Wochen vor. Er wolle zunächst nur ihre Stellungnahme dazu hören. Die Mapuche müssten indessen berücksichtigen, dass der argentinische Eigentümer des hundertsiebenundachtzigtausend Hektar umfassenden Landstrichs dem Käufer, einer niederländisch-amerikanischen Aktiengesellschaft, nichts von den alten Siedlungsrechten der Indios verraten habe. Der Rechtsstreit sei eingeleitet und werde sich noch lange hinziehen. Die Käuferseite habe indessen Verständnis für die unverschuldet schwierige Lage, in welche die kleine Gemeinde geraten sei; schließlich wären ja beide Seiten vom argentinischen Verkäufer hinters Licht geführt worden. Daher biete ihnen das Unternehmen, obwohl es dazu nicht verpflichtet sei, ein großzügig bemessenes, von Experten gründlich ausgearbeitetes Projekt an; es enthalte eine ganze Palette von Maßnahmen für die nachhaltige Entwicklung der Mapuche-Siedlung, wenn auch an einem anderen Ort. Die Firma erwarte einen offenen, aber vernünftigen Gedankenaustausch über ihr Angebot. Abschließend bat er den Bürgermeister, auf Kosten des Unternehmens alkoholfreie Getränke bereitzustellen und entschuldigte sich für den Termin. Er wisse, dass alles für die Silvesterfeier vorbereitet sei, noch dazu für den Beginn eines Jahrhunderts und eines neuen Jahrtausends, und er bedanke sich schon einmal im Voraus für die bereitwillig gewährte Hilfe. Am Morgen danach müsse er allerdings sehr früh nach Quemquemtréu aufbrechen.
Martin Holberg las seine Epistel nicht mehr durch. Viel zu lang geraten, zu institutionell gestelzt: »Palette«, »nachhaltige Entwicklung«, »offen, aber vernünftig« – erschwert das eine denn zwangsläufig das andere? Also rasch auf »send« klicken und weg mit dem Scheiß! Sowieso waren die Aussichten für das ganze Vorhaben eher trüb. Alter Sperrmüll aus seinem auslaufenden Beruf – aus seinem früheren Leben schon –, den er mit Dr. Elias Königsberg, seinem Seelen-Bulldozer, noch immer nicht ganz weggeräumt hatte!
An der Bar – er musste nach der Bedienung klingeln – ließ sich Martin eine Flasche Pinot Noir entkorken und ein Glas geben. Seitdem Katha – wenngleich mit Rückfällen wie vorhin – nicht mehr trank, verbarg er vor ihr seine Sucht. Er hatte einen dieser neuen patagonischen Weine verlangt, die in Buenos Aires in Mode gekommen waren. »Saurus« stand auf dem Etikett, quer über dem fein gestochenen Umriss eines Patagosaurus. Der Kellerei war wohl bewusst gewesen, dass diese Weltgegend seit Darwins Entdeckungsreise weit eher für urzeitliche Fossilien als für irgendwelche Weinsorten bekannt war.
Martin trat vor das Motel. Auf dem Parkplatz stieg ihm wieder der Algen- und Fischgeruch in die Nase. Obwohl er vorgehabt hatte, sich noch den Himmel über der Brandung anzusehen, warf er sich in den Wagen und schob eine Erik-Satie-CD ein. Er hob das Glas gegen die Lichter des flachen Gebäudes, füllte es und prostete dem kauzigen Komponisten zu: »Ein edler Tropfen aus dem Jurassic Park!« Der Wein war höchst genießbar, weshalb Martin den Namen »Saurus« wegen der naheliegenden Pointe nicht glücklich fand – aber die ergab sich im Spanischen ja eh nicht. In Gedanken und Selbstgesprächen pendelte er unbewusst zwischen beiden Sprachen hin und her. Das setzte sich in den Träumen fort. Das verdankte er der Mutter, die darauf bestanden hatte, mit ihm ohne Unterlass ihr österreichisches Deutsch zu sprechen. So hatte sie es auch von den Enkeln verlangt und eigentlich von allen, die ihr näherkommen wollten. Bei Elias führte es zu dialektaler Komik: Der stammte aus Fürth und versuchte in Hörweite Clementines immerzu, seinen mittelfränkischen Originalton zu verwienern.
Kathas Parfüm im Wageninneren. Er sieht sie im Bett, nach ihrer Art chaotisch in die Decke verknäult, das rotblonde Haar über dem Kissen ausgeschüttet. Sie schläft. Das Profil, ihrer Mutter so ähnlich! Judith hatte die täuschend simplen Klavierstücke Saties nur zur eigenen Beruhigung gespielt, den gemessen dahinschreitenden Gymnopédies mit einem Lächeln nachgesonnen. Die Erinnerung an ihr Sterben sickerte nicht ein, nahm nicht allmählich Gestalt an, ließ die Bilder und Stimmen und Laute jener Tage nicht langsam aus der Vergangenheit an ihn herankommen. Nein: Es bricht stets auf einmal herein – ungestüm, brennend, stechend, schneidend, schrill. Er hielt den Atem an, bis es abgeklungen war.
Wie doch ein beständiges, gleichsam etabliertes Unglück einen immer wieder gnädig und hinterhältig in die Normalität entlässt! Es taucht im Tagesablauf unter, stellt sich tot – und packt dann unversehens wieder zu, zwingt dich unter sein Joch zurück. Katha, wochenlang den ganzen Tag im Bett der toten Mutter, in den Fernseher stierend, die Knie ans Kinn gepresst … Doch gleich darauf ließ Martin dieses heute noch beklemmende Bild der Tochter von einer lichten, schwerelosen Szene aus ihrer Kindheit überstrahlen. Sonnige Camargue, frühsommerliches Saintes-Maries-de-la-Mer: Er steht im Kreis der Zuhörer um Manitas de Plata, fühlt Kathas leichte Last auf den Schultern, wird entführt vom rauen Cante Jondo und den langsam ertasteten, plötzlich aufbrausenden Akkorden der Gitarre. In der Gruppe lassen einige ihre Köpfe lose taumeln, andere, wie Judith und der kleine Gabriel, schlagen rhythmisch, wenn auch kaum hörbar, die Handflächen zusammen. Katha hat ihre Ärmchen um seine Stirn geschlungen. Sie beugt sich herunter, flüstert ihm ins Ohr: »Gelt, Pa, die Zigeuner sind doch lieb.« Nur Glücksgefühl, Lebensglanz, leuchtende Zukunft lag in dieser Erinnerung.
Martin nahm einen kräftigen Schluck aus dem Glas. Waren die Saurier Warmblüter gewesen? »Nun sind wir endlich aufgebrochen«, hörte er sich laut denken. Er war todmüde, schloss die Augen, und vor ihm erstreckten sich in die Nacht hinein und ineinander fließend all die Fahrbahnen dieses langen Tages, wie von Scheinwerfern aus der Finsternis gerissen. »Katha und ich, wo rollen wir hin?« In ein neues Jahrhundert, in das dritte Jahrtausend, zu den Walen, zur Gedenkstätte der Lady Di, zu den Mapuches und zum neunzigsten Geburtstag der Oma, die immer noch seine Mutter war. Ein volles Programm.
Katha. Schon in der ersten Sitzung bei Dr. Elias Königsberg hatte er herausgehört, dass im Grunde sie es war, die hinter seinen Fragen und Zweifeln steckte. Rücksichtslos und ganz gegen seine Art hatte er sich ausgeschüttet, in das zuhörende Gesicht des alten Psychiaters hinein – und jetzt war ihm, als hätte am Ende der maßlosen Fahrt durch die Pampas dessen zerklüftete Physiognomie schon wieder auf ihn gewartet. Ja, er musste Katha dankbar sein! Aber auch Gabriel. Dankbar, dass sie ihm nach dem Tod Judiths das einfache Weitertrotten unerträglich gemacht hatten.
Mitten im besänftigenden Klavierspiel fielen Martin wieder die Mapuche ein, auf die er morgen treffen sollte. »Mon cher Satie, es muss, es wird mein letzter Auftritt sein!«, schwor er mit erhobenem Glas. »Ich werde diesen Job bereits wie im Rückblick ausführen, sozusagen postum, post mortem.« Und, nun an die imaginäre Gemeinde des morgigen Tages gewandt: »Das sagt euch ein Minderheitenschützer der Vereinten Nationen, der sich nichts mehr vormacht. Euch, fernen Nachfahren des patagonischen Urvolks, Erben der Kaziken und Pferdediebe Namuncurá und Calfucurá, habe ich immer nach dem Mund geredet, euch in euren absurden Hoffnungen bestärkt, all das offizielle Geseire nachgeplappert. Allein von der Sprache bin ich mittlerweile dermaßen saturiert, dass ich eine geheime, hundsgemeine Abneigung dagegen entwickelt habe, meine kostbare Zeit und schwindende Energie weiterhin an eure schäbigen Interessen zu verschwenden!« Hierauf noch ein Schluck.