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In dieser Rubrik können Sie monatlich ein Kapitel eines ausgewählten Titels lesen.



Robert Misik
Erklär mir die Finanzkrise!
Wie wir da reingerieten und wie wir da wieder rauskommen

156 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-85452-698-8
14,90 Euro inkl. MWSt. Neu



Leseprobe

Ein Crash mit Anlauf

Wie eine falsche Wirtschaftsideologie
die Marktwirtschaft ins Desaster stürzte





»Ein Crash mit Anlauf!« habe ich dieses erste Kapitel genannt. »Wie eine falsche Wirtschaftsideologie die Marktwirtschaft ins Desaster stürzte«.
Und da kann man natürlich die Frage stellen: Wieso Wirtschaftsideologie?
Hat Ideologie nicht etwas mit Worten allein zu tun? Mit Gedanken, die sich Menschen machen, mit Fantasien, die sich irgendwelche weltfremden Ideologen ausdenken?
Und wie sollen diese Ideologien einen derartigen Einfluss auf die Wirtschaft haben? In der Philosophie, könnte man anmerken, sei das naheliegend, schließlich geht es in dieser primär um Begriffe und Konzepte – aber in der Wirtschaft? Nirgendwo geht es doch so sehr um harte Fakten und Zahlenkolonnen, um Euros und Dollars, also ums kalte Kalkulieren und ums Geld.
In der Wirtschaft sind doch auch meistens sehr pragmatisch gesinnte Menschen am Werk, auch heute noch überwiegend Männer übrigens, die sich als Männer der Tat verstehen. Unternehmer etwa, die von sich die Vorstellung hegen, sie seien doch eigentlich total unideologisch. Wer ein Geschäft aufmacht, um etwa, sagen wir, den Menschen Haarshampoo zu verkaufen, der interessiert sich doch nicht für Ideologie, oft hat er sogar so etwas wie leise Verachtung für die Buchstabenhengste in den Studierstuben. Der interessiert sich dafür, dass er billig zukauft, billig produziert und einen möglichst hohen Preis beim Kunden herausschlägt, damit er, nachdem er seine Lieferanten bezahlt, der Bank die Kreditzinsen und seinen Angestellten ihr Gehalt überwiesen hat, noch einen ausreichenden Profit für sich hat.
Aber schon John Maynard Keynes, der wohl bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts hat in den letzten Zeilen seines Buches »Die Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes« Folgendes geschrieben:
»… die Ideen von Ökonomen und politischen Philosophen, und zwar sowohl wenn sie recht als wenn sie unrecht haben, sind viel mächtiger, als man üblicherweise annimmt. Im Grunde wird die Welt kaum von etwas anderem regiert. Praktische Männer der Tat, die von sich glauben, dass sie frei von allen intellektuellen Einflüssen sind, sind sehr oft die Sklaven irgendeines lange verstorbenen Ökonomen.«
Ideen haben also ihre Wirksamkeit, und das auf verschiedenen Wegen. Natürlich ist es nie so, dass sich irgendjemand die Welt in seinem stillen Kämmerlein ausdenken kann und dann wird die Welt nach seinen Ideen gebastelt. So funktioniert das nur in Wolkenkuckucksheim und nicht einmal dort. Aber Ideen haben auf andere Weise Einfluss.
Nehmen wir nur »die Wirtschaft«. Die funktioniert zu einem bestimmen Zeitpunkt auf eine gewisse Weise, und unterstellen wir einmal, sie tut das völlig unabhängig davon, welche Theorien Ökonomen darüber aufstellen.
Das ist jetzt natürlich eine etwas vereinfachte Annahme, denn vielleicht funktioniert sie ja zu diesem Zeitpunkt auf eine gewisse Weise, weil früher einmal Ökonomen irgendwelche Ideen in die Welt gesetzt haben und Politiker, die von diesen Ideen beeinflusst waren, daraufhin Regeln und Institutionen geschaffen haben, die diesen Ideen angemessen waren. Aber diese Vereinfachung sei hier gestattet.
Also, »die Wirtschaft« funktioniert zu einem gegebenen Zeitpunkt auf eine bestimmte Weise. Sie »funktioniert«, was natürlich bedeutet: Manches funktioniert, manches funktioniert nicht so gut, manches besser, manches ganz schlecht.
In dieser Wirtschaft gibt es Ungleichheit. Es gibt Arbeitslosigkeit. Es gibt Wirtschaftswachstum. Es gibt Innovation. Also, es funktioniert ganz gut, aber es könnte besser funktionieren.
Und jetzt stellen wir uns einen Ökonomen A vor, der zu beweisen versucht, dass diese Wirtschaft deshalb nicht ganz so optimal funktioniert, weil sie zu sehr vom Staat dominiert wird, weshalb die Marktkräfte nicht optimal wirken können.
Und dann stellen wir uns einen anderen Ökonomen B vor, der im Gegenteil behauptet, dass diese Wirtschaft nicht so gut funktioniert, weil die Marktkräfte zu sehr wirken. Weil Märkte zwar ihre guten Seiten haben, aber auch Probleme produzieren.
Stellen wir uns also vor, die Ideen des Ökonomen A setzen sich durch. Aber was bedeutet das denn eigentlich, dass sich Ideen »durchsetzen«? Wie funktioniert das denn?
Vielleicht auf folgende Weise: Der Ökonom A gewinnt Einfluss, beispielsweise auf andere Ökonomen, mit denen er so etwas wie eine akademische Schule gründet oder vielleicht nur einen loseren Zusammenhang von Ähnlichdenkenden. Er und eine Gruppe von Gleichgesinnten gründen einen Thinktank, mithilfe dessen sie ihren Einfluss ausbauen, oder sie gewinnen die Unterstützung bereits existierender Thinktanks. Dann erhalten sie Unterstützung von Lobbys, die meinen, die Ideen des Ökonomen A würden ihren Interessen entgegenkommen. Sie ziehen womöglich auch einflussreiche Medien auf ihre Seite, die diese Ideen unter die Leute bringen. Sie wirken letztendlich auch auf Parteien ein, deren programmatische Ideen mit den Ideen des Ökonomen im Einklang stehen, oder auf Parteien, die gerade gar keine Ideen haben und dankbar für Konzepte sind, und nach und nach werden die Ideen des Ökonomen Einfluss auf die Gesetzgebung finden.
Dann werden womöglich in einem allmählichen Prozess institutionelle Veränderungen durchgeführt, die weniger staatliche Regulation vorsehen und mehr freies Spiel der Märkte.
Setzt sich Ökonom B durch, werden die institutionellen Veränderungen in eine andere Richtung gehen.
Auf diese Weise haben Ideen, auf diese Weise haben Ideologien Auswirkungen auf den realen Lauf der Welt, auf die Fakten. Selbst in der Welt der Ökonomie.
Ich kann und will hier nicht die gesamte Geschichte der kapitalistischen Marktwirtschaften des Westens, also vor allem Europas und Amerikas, ausbreiten, deswegen wollen wir hier nur in einem absoluten Schnelldurchlauf an einen Punkt gelangen, von dem aus wir die Geschichte der vergangenen dreißig Jahre detaillierter betrachten können. Absoluter Schnelldurchlauf: Wir standen schon einmal, Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre vor einem Beinahe-Kollaps der kapitalistischen Marktwirtschaften, mit Bankenkrach, wirtschaftlichem Einbruch, einer lang andauernden Großen Depression und damit verbunden, sicher nicht allein daraus resultierend, aber doch ganz wesentlich damit verbunden, dem Aufstieg von Nazis und anderer autoritärer Regimes. Die Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs waren die Folge.
Es war gerade der bereits erwähnte große Ökonom John Maynard Keynes, der in dieser Zeit gezeigt hat, dass man die Marktwirtschaft in so einer Phase nicht sich selbst überlassen darf – also den Märkten allein –, weil die Krise dann in einer Katastrophe endet, und dass man sie auch sonst nicht sich selbst überlassen darf, und zwar weil ansonsten solche Krisen immer wiederkehren werden. Er hat auch gezeigt, dass man die großen Vorteile von Marktwirtschaften nur wird sicherstellen können, wenn man sich ihrer Nachteile annimmt: Ungerechtigkeit, Ungleichheit, Instabilität, Arbeitslosigkeit.
Politiker in aller Welt haben, teilweise instinktiv und unabhängig von Keynes, teilweise auch in direkter Folge seiner Lehre, daraus ihre Konsequenzen gezogen: als Erster der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt mit seinem New Deal, ziemlich zeitgleich auch skandinavische Regierungen, vor allem die schwedische Regierung, bald danach die britische Regierung und dann auf unterschiedliche Weise fast alle Nachkriegsregierungen Westeuropas. Das Ergebnis war, dass sich die chronischen Ungleichheiten – der Vermögen, der Einkommen – nach und nach etwas reduzierten, dass wichtige Sektoren der Ökonomie reguliert blieben (teilweise sogar verstaatlicht) oder strenger staatlicher Aufsicht unterstanden – vor allem die Finanzindustrie. Wir hatten Jahrzehnte von Prosperität und praktisch keine nennenswerten Finanzkrisen. So kamen wir bis in die siebziger Jahre.
Ich will jetzt keineswegs behaupten, dass das ein goldenes Zeitalter oder gar das Paradies war, aber manche der schrecklichen Zustände des Kapitalismus der Jahrhundertwende oder der zwanziger Jahre konnten damals überwunden werden. Der Wohlstand verbreiterte sich, es herrschte Vollbeschäftigung, einfache Leute konnten plötzlich auch ein Stück vom Kuchen abbekommen – und die Reichen wurden nicht einmal sonderlich ärmer. Gegen Ende dieser Periode traten dann zwar neue Probleme auf, spürbare ökonomische Einbrüche, beginnend in den USA, Inflationsraten von bis zu zehn Prozent, aber alles in allem war es eine Periode wachsenden Wohlstands, wachsender sozialer Sicherheit mit nur geringen ökonomischen Instabilitäten.
Und was wurde uns seither gesagt, von Ökonomen, aber auch von Politikern? Dass wir die Märkte zu sehr eingeschränkt haben. Dass der Staat zu viel regelt und die Märkte zu sehr behindert. Dass man deregulieren muss. Dass wir den wirtschaftlichen Erfolg nicht ausreichend hochschätzen. Dass wir auch zu sehr auf Umverteilung Bedacht genommen haben, statt zu akzeptieren, dass eben in einer freien Marktwirtschaft die einen reich werden und die anderen weniger Glück haben.
All das hat man uns gesagt. Und man hat uns noch eines gesagt: Wenn wir das ändern, werden wir bessere ökonomische Ergebnisse haben. Wenn wir privatisieren, wird es mehr Konkurrenz geben und wir werden bessere und billigere Güter haben.
Wenn wir die Arbeitsmärkte liberalisieren, werden wir weniger Arbeitslosigkeit haben.
Wenn wir die Lohnfindung flexibilisieren – was natürlich auch heißt: Niedriglohnsegmente zulassen –, werden wir im internationalen Wettbewerb besser bestehen.
Wenn wir Ungleichheiten akzeptieren, werden wir im Austausch eine brummende Ökonomie haben.
Und wenn wir die Finanzmärkte, die Kapitalmärkte liberalisieren, wird das Kapital dorthin fließen, wo es am besten eingesetzt sein wird – man nannte das die »effektive Allokation des Kapitals« –, und dann werden wir optimale Wirtschaftsergebnisse erzielen und insgesamt mehr ökonomische Stabilität haben.
Nun ist das eine Behauptung, die man glücklicherweise anhand der Realität überprüfen kann. In der Phase des regulierten Arrangements wuchs die Weltwirtschaft durchschnittlich um 4,8 Prozent pro Jahr, in der Phase ab der zunehmenden Deregulierung nur mehr um 3,2 Prozent. Dass optimale ökonomische Ergebnisse erzielt wurden, kann man jedenfalls auf Basis dieser Daten nicht gerade behaupten.
Man hat eine Vorhersage getroffen und dann im globalen, internationalen Arrangement entsprechende »Reformen« durchgeführt. Aber das Ergebnis war nicht immer so, wie man uns gesagt hat – oft war es sehr anders. Und auf den folgenden Seiten will ich beschreiben, warum das so war.

Dass Märkte effizient funktionieren und dass ökonomische Ergebnisse umso besser sind, je mehr man den Märkten anvertraut, ist ja das grundlegende Axiom dieser Ökonomie. Auf Märkten suchen alle Menschen ihren Eigennutz, sie folgen also ihrem egoistischen Eigeninteresse, aber im Zusammenspiel werden sie das Allerbeste herausbringen, so lautet diese These. Das ist eigentlich nicht nur eine ökonomische Lehre, sondern sogar eine Art Morallehre: dass viele Menschen, die alle nur auf der Mikroebene ihren egoistischen Eigennutz verfolgen – also etwas tun, was moralisch eigentlich verwerflich ist –, etwas moralisch Erstrebenswertes schaffen, nämlich Prosperität, den optimal möglichen Wohlstandszuwachs, das ist ja im Kern eine Morallehre. Wenn ich also Gutes bewirken will, muss ich mich nicht gut verhalten, im Gegenteil, je fieser ich mich verhalte, umso mehr Gutes tue ich.
Märkte funktionieren effizient, sagt uns diese Ökonomie, und sie tendieren zum Gleichgewicht. Ja, Gleichgewicht! Diese Ökonomie ist insofern auch eine versöhnliche Wissenschaft. Es gibt vielleicht »Ungleichgewicht« – aber die Marktkräfte führen dann automatisch zum »Gleichgewicht«. Beachten Sie die Begrifflichkeit: Gleichgewicht klingt sehr schön. Was assoziieren wir da spontan? Gleichgewicht, da ist alles schön im Lot, da fühlt man sich gut, besser jedenfalls als wenn man auf einem Bein schief dasteht und droht, umzukippen. Es geht hier auch immer um die Begriffe, mit denen diese Ökonomie operiert, die scheinbar neutral sind, in Wirklichkeit aber eine ideologische Schlagseite haben.
Aber das ist nur ein Seitenaspekt. Denn diese Ökonomie hat gar nicht so unrecht. Bestimmte Märkte tendieren tatsächlich zu einem Gleichgewicht. Stellen wir uns den Schuhmarkt und den Markt für, sagen wir, Hosen vor.
Das ist übrigens schon ein sehr schönes Beispiel dafür, wie die Ökonomie ihre Theorien entwickelt. Indem man Beispiele entwickelt, Modelle, die sehr lehrreich sein können, aber in der Wirklichkeit leider nicht vorkommen. Denn es kommt natürlich in der Wirklichkeit nicht vor, dass es irgendwo nur den Schuhmarkt und den Hosenmarkt gibt und sonst nichts eine Rolle spielt. Es spielen Hunderte Dinge eine Rolle: Alle Gütermärkte wirken aufeinander, denn das Geld, das ich für zehn Güter ausgebe, kann ich dann für zehn andere nicht ausgeben, es spielt eine Rolle, welche Arbeitskräfte es gibt, ob die gut ausgebildet sind oder nicht, ob es eine ausgebaute Finanzbranche gibt, ob Banken den Firmen Kredite geben oder den Konsumenten, ob jemand in Schuhfirmen investieren will oder ob es Finanzinvestitionen gibt, die sich möglicherweise mehr rentieren.
Ökonomen entwickeln immer Modelle, aus denen sie möglichst viele Aspekte der Wirklichkeit eliminieren, um an möglichst einfachen Beispielen wie im Laboratorium ihre Annahmen durchrechnen zu können, so wie ein Naturwissenschaftler im Labor seine Experimente macht.
Daran ist nichts falsch, aber es sollte nicht vergessen werden: Man sollte diese Modelle dann nicht mit der Wirklichkeit verwechseln, die deutlich komplexer ist als diese Modelle.
Aber zurück zum Markt für Schuhe und Hosen. Solche Märkte funktionieren tatsächlich so »effizient«, wie uns das diese neoklassische Ökonomie erklärt. Stellen wir uns vor, ein Schuhfabrikant produziert Schuhe und ein Schuhladen hat sie in seinem Geschäft. Und nebenan ist ein anderer Schuhladen, mit anderen Schuhen. Und jetzt stellen wir uns vor, die Konsumenten gehen an diesem ersten Schuhladen vorbei, gucken rein, probieren ein paar Modelle, gehen dann aber weiter und kaufen sich die Schuhe bei der Konkurrenz.
Da hat dann, wenn das lange genug geschieht, der Ladenbesitzer eins ein paar Informationen. Hauptinformation: Keiner will seine Treter. Sie sind möglicherweise zu teuer. Oder auch zu hässlich. Er weiß dann, er muss mit dem Preis herunter oder hübscheres Schuhwerk produzieren. Oder er wird die Produktion drosseln. Oder alle drei.