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Elisabeth Jupiter Mach Witze! Der jüdische Humor als Quelle der Toleranz
112 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85452-696-4 16,90 Euro inkl. MWSt. Neu
Leseprobe
Der Geiz
Karl Valentin sagt: »Man soll die Dinge nicht so tragisch nehmen, wie sie sind.«
Ein Makler preist seine Angebote an: »Wenn Sie sich eine Hand brechen, bekommen Sie zweitausend Euro, bei einem Beinbruch viertausend. Und wenn Sie sich, Gott behüte, das Genick brechen, sind Sie ein gemachter Mann!«
Geiz ist das Gegenteil von Großzügigkeit. Und diese nehme ich sehr ernst. Ich glaube, dass viele Neurosen und andere psychische Störungen in unseren Breitengraden von einem Mangel an Großzügigkeit herrühren. Ich meine das nicht bloß auf das Finanzielle beschränkt, sondern ganz allgemein. Die Großzügigkeit im Denken, sich selbst gegenüber, den Schwächen anderer gegenüber, also die Fähigkeit zur Toleranz. Nur wer großzügig ist, kann auch in weiten Dimensionen denken und fühlen. Empathie hängt eng mit dieser Fähigkeit zusammen. Ärgere ich mich darüber, dass ein Land völlig verschuldet ist und Hilfe braucht, oder denke ich an die Pensionisten dieses Landes, die sich ihre Medikamente nicht mehr leisten können, oder an Kinder, die hungrig in die Schule gehen müssen?
Baron Rothschild ist sehr beschäftigt, als ein Besucher sein Büro betritt. Ohne aufzuschauen, sagt er: »Nehmen Sie sich einen Stuhl!« Nichts geschieht, bis der Besucher empört sagt: »Eine Frechheit, Sie wissen wohl nicht, wer ich bin! Ich bin der Fürst Liechtenstein!« »Gut, nehmen Sie sich zwei Stühle!«
Dass der Begriff Schnorrer aus dem Jiddischen kommt, ist kein Zufall. Denn es ist eine Mizwa, eine gute Tat, einem Bedürftigen etwas zu geben oder ihm zu helfen. Etwas, dass viele Nichtjuden gar nicht wissen.
Eine jüdische Gemeinde ist so wohlhabend geworden, dass es keinen Schnorrer mehr gibt und daher auch keine Mizwa zu machen ist. Also lässt man einen Armen aus dem Nachbardorf kommen, der allerdings mit der Zeit immer frecher und fordernder wird, sodass man ihn zur Bescheidenheit mahnt. »Wenn das so ist, dann fahr ich morgen wieder zurück, ihr werdet schon sehen, an wem ihr eure Mizwes erfüllen könnt!«
*
Herr Kohn hat sein ganzes Vermögen verloren und ist nun gezwungen zu schnorren. Zum Glück schenkt ihm Baron Rothschild fünfzig Euro. Es vergeht keine Stunde, da sieht er Herrn Kohn im besten Restaurant der Stadt Lachs mit Mayonnaise essen. Er stürmt ins Lokal und sagt: »Was, Sie borgen sich von mir Geld aus, damit Sie hier Lachs mit Mayonnaise speisen?« Darauf Herr Kohn verwundert: »Wenn ich kein Geld habe, kann ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise, wenn ich Geld habe, darf ich nicht essen Lachs mit Mayonnaise, wann bitte soll ich denn essen Lachs mit Mayonnaise?«
Freud meint, dass wir über diesen Witz lachen, liegt daran, dass die Antwort des Schnorrers eine Ablenkung des Vorwurfs enthalte, dass ein armer Mensch sich eben nie solche Leckerbissen zu gönnen hat. Ich mag diesen Witz, denn wie oft habe ich mich schon in Ämtern oder Spitälern darüber geärgert, wie menschenfeindlich Arme und Bedürftige behandelt werden. Ja, Österreich ist ein gut funktionierender Sozialstaat mit guter ärztlicher Versorgung. Aber Lachs mit Mayonnaise? Unterstehen Sie sich und seien Sie gefälligst dankbar für das Brot mit Extrawurst!
Die gute Tat ist, wie wir schon gehört haben, eine Pflicht, deshalb ist auch in schlechten Zeiten gegenseitige Hilfe die Norm.
»Stell dir vor Rabbi, Silberstein ist verhungert!« »Kein Jude kann am Hunger sterben«, antwortet der Rabbi. »Wäre er zu mir gekommen, hätte ich ihm natürlich zu essen gegeben.« »Rabbi, er wollte das nie, er hat sich zu sehr geschämt!« »No, dann ist er nicht am Hunger gestorben, sondern an seinem Stolz!«
*
Herr und Frau Grün, zu Geld gekommen, haben die Liebe zur Kunst entdeckt und gehen öfter ins Museum. So stehen sie nun vor einem riesigen Gemälde, das die heilige Familie im Stall von Bethlehem zeigt. Da sagt Frau Grün: »Kein Dach überm Kopf, kein Bett, keine Windeln für das Kind – aber sich von Grünwald malen lassen!«
Meine Mutter sagte immer über Menschen, denen, typisch neureich, nichts gut genug war: »Aufgewachsen bei grünen Jalousien mit roten Mascherln!«
Allerdings zeigen sich jüdische Mammes nicht immer großzügig im Denken gegenüber ihren Töchtern. So wie es folgendes Telefonat zeigt:
»Hallo, Mama, kannst du heute Abend auf die Kinder aufpassen?« »Gehst du aus?« »Ja.« »Mit wem?« »Mit einem Freund.« »Ich verstehe nicht, warum du dich von deinem Mann getrennt hast, so ein netter Kerl.« »Er hat mich verlassen.« »Du hast zugelassen, dass er dich verlässt, damit du jetzt mit irgendeinem Kerl ausgehen kannst.« »Ich gehe nicht mit irgendeinem Kerl aus, kannst du die Kinder nehmen?« »Ich habe euch Kinder nie allein gelassen, um mit irgendjemandem, der nicht euer Vater war, auszugehen.« »Was willst du mir damit sagen? Ich will nur wissen, ob du die Kinder nehmen kannst!« »Willst du bei dem anderen schlafen? Was würde dein Mann dazu sagen?« »Mein Exmann, und ich glaube nicht, dass ihn das stören würde, denn seit unserer Trennung dürfte er noch keine Nacht allein verbracht haben.« »Also wirst du mit dem Kerl schlafen?« »Das ist nicht irgendein Kerl.« »Ein Mann, der mit einer Geschiedenen mit Kindern ausgeht, ist ein Tunichtgut.« »Ich will nicht diskutieren, nimmst du die Kinder?« »Die armen Kinder, mit so einer Mutter!« »Wie, so einer?« »Mit Flausen im Kopf, deshalb hat dich dein Mann verlassen.« »Genug jetzt!« »Jetzt schreist du mich auch noch an; das machst du wahrscheinlich auch mit dem Kerl, mit dem du ausgehst.« »Jetzt kümmerst du dich auch noch um den Kerl?« »Siehst du, jetzt nennst du ihn selbst Kerl.« »Ciao!« »Wart, leg nicht auf, wann bringst du die Kinder?« »Überhaupt nicht, habe keine Lust mehr, auszugehen.« »Wenn du nie ausgehst, wirst du niemals einen Mann kennenlernen!«
Es mag nicht den allgemeinen Vorurteilen entsprechen, aber auch Juden gehen gern in die Berge, wie ich vorher schon erzählt habe. Eine Blütezeit als Sommerfrische und Ausflugsziel erlebte in der Zwischenkriegszeit, aber auch wieder nach dem Zweiten Weltkrieg: der Semmering. Ein paar Berge, aber doch sehr viele Cafés. Anscheinend sind die Wiener Juden aber in den letzten Jahren kälteempfindlicher geworden, und so geht ein Hotel nach dem anderen auf dem Semmering bankrott.
Bei einer gefährlichen Wanderung stürzen Blau und Grün ab und hängen nun am Seil über einem Abgrund, ohne hinauf oder hinunter zu können. Stundenlang müssen sie sich so festhalten, bis endlich ein Rettungshubschrauber des Roten Kreuzes über ihnen kreist. Doch als dieser in die Nähe kommt, schreit Blau so laut er kann: »Wir haben schon gespendet!«
Mein absoluter Lieblingswitz, der das Vorurteil, dass Juden geizig seien, ad absurdum führt, ist folgender:
Moische und Itzik sind Sklaven. Sie müssen in einer Galeere rudern und rudern und rudern. Vorne im Boot sitzt ein anderer Sklave und trommelt, damit die Ruderer im Rhythmus bleiben. Er trommelt, sie rudern, er trommelt, sie rudern. Der Schweiß rinnt ihnen in Strömen runter. Nach vielen Tagen der Reise und des Ruderns sind sie endlich am Ziel angelangt und dürfen das Boot verlassen. Beim Aussteigen wendet sich Moische an Itzig und fragt: »Sag, gibt ma dem Trommler an Schmattes?«
Viele jüdische Firmen, die in der Zwischenkriegszeit florierten, verdankten ihren Erfolg nicht nur dem guten Geschäftssinn der Chefs, sondern auch deren Menschlichkeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte man in Wien im sogenannten »Fetzenviertel«, einer Ansammlung von Textilfirmen im ersten Bezirk, wieder einige Geschäftsleute des alten Schlages antreffen.
Treffen sich zwei Geschäftsleute im Textilviertel Wiens und der eine sagt: »Du fragst mich nie, wie die Geschäfte gehen.« Darauf der andere: »No, wie gehen die Geschäfte?« »Frag mich nicht!«
Nie werde ich vergessen, wie mein Vater am Fenster stand und beobachtete, wie die Frau eines sozialistischen Politikers aus dem Dienstwagen stieg, um in den bekannt teuren Modesalon im Haus gegenüber zu gehen. »Schau her«, sagte er, »ist das notwendig, ist das notwendig?« Diese Frage würde heute wohl niemand mehr stellen.
Herr Kohn fragt den Blau: »Sag, wann wirst du mir endlich das Geld zurückgeben, das ich dir geborgt habe?« »Was fragst du mich, bin ich a Prophet?«
Zur Kundschaft meines Vaters gehörte auch Bruno Kreisky. Eines Tages saßen wir zu Hause vor dem Fernsehgerät und sahen in den Nachrichten Kreisky im verregneten London auf Staatsbesuch. Der einzige Kommentar meines Vaters, der stolz den Kamelhaarmantel der Firma Jupiter erkannte, war: »Schau dir das an, der setzt sich ins Auto, ohne den Mantel glatt zu streichen. No der wird verdrückt sein!«
Der Buchhalter arbeitet schon fünfundzwanzig Jahre in der Firma Kohn, deshalb wendet er sich an den Chef persönlich und sagt, er rechne nun mit einer Gehaltserhöhung. Die Antwort: »Sie sind entlassen! Einen Buchhalter, der so falsch rechnet, kann ich nicht brauchen!«
*
Ein amerikanischer Tourist besucht das beeindruckende Mann-Auditorium in Tel Aviv. Er bewundert das Gebäude und fragt seinen israelischen Freund, ob das Gebäude nach Thomas Mann benannt worden sei. »Nein, nach Frederic Mann aus New York.« »Kenne ich gar nicht, was hat der geschrieben?« »Einen großen Scheck!«
Ich arbeitete vor, während und auch noch nach Abschluss meines Studiums im väterlichen Betrieb mit. Natürlich als Sekretärin, was denn sonst? Etwa ein Jahr musste ich um eine elektrische Schreibmaschine betteln, denn mein Vater konnte die Notwendigkeit des technischen Fortschritts nicht so richtig nachvollziehen. Eines Tages bekam ich sie endlich und nicht nur das, auch ein Faxgerät hielt Einzug in die Firma. Jedes Mal, wenn das Telefon läutete, war die Aufregung sehr groß! »Nicht rangehen, das ist ein Fax, nicht rangehen!«, brüllte mein Vater durch die dreihundert Quadratmeter. Aber nicht nur zu Land, auch zu Wasser finden Juden leicht Grund zur Aufregung:
Ein fürchterliches Schiffsunglück ist passiert. Kohn und Blau können sich gerade noch in ein Rettungsboot retten. Sie zittern vor Angst und Kohn fleht zu Gott: »Wenn wir das überleben, spende ich ein Drittel meines Vermögens der Synagoge!« Sie rudern weiter, es beginnt zu dämmern. Die Angst wird größer und Kohn betet: »Gott rette uns aus dieser Not, ich werde die Hälfte meines Vermögens für wohltätige Zwecke spenden!« Der Ozean rundherum ist finster, es bricht die Nacht herein und Kohn brüllt nun: »Lieber Gott, hilf uns, ich werde spenden …« Da unterbricht ihn Blau: »Hör auf mit den Angeboten, Land in Sicht!«
*
Auf einem Kreuzfahrtschiff gibt es als Abendunterhaltung eine Vorführung des großen Zauberers Poldini. Kohn sitzt gespannt im Publikum, als der Zauberer seinen Zylinder in die Hand nimmt und ankündigt: »Und jetzt, und jetzt, meine Damen und Herren …« In diesem Moment erschüttert eine mächtige Explosion das ganze Schiff, das sofort untergeht. Mitten im Meer treibt Kohn, der sich an einer Planke festhält. Als er Poldini erblickt, der sich ebenfalls an ein Stück Holz klammert, ruft er ihm zu: »Scheene Tricks haben Sie!«
Aber nicht nur zu Wasser, auch in der Luft kann man mit Juden Überraschungen erleben. Als ich einmal mit der EL AL nach Israel flog, dachte ich in einem jüdischen Kabarett gelandet zu sein. Meine Cousine wollte unbedingt ein vegetarisches Menü, aber es gab keines mehr. Im Fernsehen lief ein Werbefilm für russische Einwanderer und sowohl mein linker als auch mein rechter Nachbar hatten Tränen in den Augen. Ich auch. Am Rückflug, kurz vor der Landung in Wien, nahm sich der Mann vor mir das Käppi runter. Wie gesagt, man weiß ja nie!
Plötzlich hörte man eine Durchsage des Piloten, der die Flughöhe, die Temperatur und die Reisezeit ansagte. Offensichtlich hatte er das Mikrofon nicht ausgeschaltet, denn man hörte ihn auch noch sagen: »So, jetzt trinke ich eine Tasse Kaffee und dann werde ich die neue Stewardess vernaschen.« Diese hörte das und rannte aufgeregt in Richtung Cockpit, um den Piloten zu warnen, dass er den Lautsprecher nicht ausgeschaltet hatte. Durch den Gang hetzend, wurde sie von einer älteren Dame aufgehalten: »Nicht so schnell, lassen Sie ihn doch erst in Ruhe seinen Kaffee trinken!«
Auf den Flügen von und nach Israel kann man überhaupt so allerhand erleben.
Der Pilot sagt nach der Landung: »Vielen Dank, dass Sie sich für EL AL entschieden haben. Bitte bleiben Sie noch sitzen, bis das Flugzeug vollständig zum Stehen gekommen ist. Schönes Chanukka! Und allen, die wirklich noch sitzen, wünsche ich Frohe Weihnachten!«
Alfred Polgar schrieb: »Im Leben hat man meistens zwischen dem guten Ruf und dem Vergnügen zu wählen. Dabei erkennt man, dass der gute Ruf kein Vergnügen ist.«
Herr Kohn betritt das elegante Füllfedergeschäft am Wiener Graben und will für seine Frau eine Mont-Blanc-Feder. Der Verkäufer beflissen: »Eine kleine Überraschung für die Gattin?« »Stimmt«, sagt Herr Kohn, »sie glaubt, sie kriegt einen Cadillac!«
Das Frauenbild hat sich im Laufe der Jahrzehnte natürlich geändert, aber wenn die Männer so unter sich sind, ist die Doppelconférence zwischen Karl Farkas und Otto Grünbaum vielleicht doch zeitlos:
Farkas erzählt, dass er einen Mann mit einem Frauenhut an sich vorbeirennen sah. »Hatte er den Hut am Kopf?« »Nein, in der Hand. Hinter ihm rannte ein Polizist, der mir erzählte, dass dieser Mann in der einen Nacht schon viermal in den Hutsalon eingebrochen hat.« »Der muss ja den ganzen Laden ausgeräumt haben.« »Nein, er hat immer nur einen Hut für seine geliebte Frau genommen.« »Und wozu hat er dann viermal einbrechen müssen?« »Sie hat ihn immer umtauschen geschickt.«
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Im Luxushotel der zwanziger Jahre fragt der Re-zep-tionist: »Wünschen der Herr ein Zimmer mit fließend Wasser?« Antwort: »Bin ich a Forelle?«
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Herr Grün beschwert sich bei seinem Freund: »Meine Frau hat sich aus religiösen Gründen von mir scheiden lassen.« »Wie das?« »Sie hat das Geld angebetet und ich habe keins.«
Manchmal gibt es auch noch nach dem Tod eines lieben Freundes böse Überraschungen.
Das Testament von Blau wird verlesen. Aufgeregt sitzen Angehörige und Freunde beim Notar, der den letzten Willen verliest: »Meiner Frau Sarah hinterlasse ich die Hälfte meines Vermögens. Je ein Drittel des Verbleibenden erhalten meine beiden Söhne und meine Tochter. Und meinem Schwager Karl, dem ich versprochen habe, ihn in meinem Testament zu erwähnen: Hallo, Karl, hoffe es geht dir gut!«
Wussten Sie eigentlich, dass es zum Humor und zum Lachen auch eine eigene Gehirnforschung gibt? Wenn ein Witz verstanden wird, dann ist der Vorderhirnlappen aktiv, jene Region des Gehirns, die auch das belohnungsorientierte Verhalten kontrolliert. Ergo: Ohne Hirn kein Humor!