Schon bei der Gründung des Verlags im Jahr 1984 setzten sich die Verleger Dorothea Löcker und Alexander Potyka über jede Eingrenzung des Verlagsprogramms auf einen Schwerpunkt oder eine Nische hinweg. Ein Architekturtitel und vier Kinderbücher im ersten Programm deuteten bereits jene Vielfalt an, die für den Picus Verlag bis heute prägend ist. Nunmehr findet man unter dem Logo des pochenden Spechts Bücher für Kinder ebenso wie Belletristik, Reisefeuilletons und Reportagen, Zeitgeschichte und Lebenserinnerungen, Architektur und Essays. Gemeinsam sind dem weit gefächerten Programm ein aufklärerischer Impetus, Weltoffenheit, die Idee des Grenzüberschreitenden und intellektuelles Engagement, aber auch Sinn für Ästhetik und Lebenslust.
Mit vier Mitarbeiterinnen produzieren Löcker und Potyka heute mit großer Sorgfalt rund vierzig Titel jährlich. Die siebenhundert bisher publizierten Bücher erhielten rund fünfzig Auszeichnungen und Staatspreise, circa ebensoviele Bücher wurden in Lizenz an fremdsprachige Verlage vergeben. Das Programm des Picus Verlags wird im gesamten deutschsprachigen Raum vertrieben, etwa 70 Prozent der Bücher werden in Deutschland verkauft, rund 26 Prozent in Österreich und vier Prozent in der Schweiz. Der Picus Verlag ist nach wie vor unabhängig.
Belletristik im Picus Verlag
Dass erzählende Literatur nicht unpolitisch sein muss, davon zeugen im Programm des Picus Verlags die Werke von Autoren wie Reinhard Federmann, Ivan Ivanji und Susanne Scholl ebenso wie zahlreiche Biografien. Ivan Ivanji beispielsweise erzählt von den Geistern aus einer kleinen Stadt (2008), im Frühjahr 2011 legt er Buchstaben von Feuer vor.
Für den Verlag identitätsstiftend ist vor allem das Werk von Ceija Stojka, die als Angehörige der Roma-Minderheit in den Büchern Wir leben im Verborgenen, Reisende auf dieser Welt und Träume ich, dass ich lebe? von ihrem Überleben als Kind in Konzentrationslagern erzählt.
Der Picus Verlag räumt Werken über das Exil, etwa in der Reihe Österreichische Exilbibliothek, einen großen Stellenwert ein, um so Wissen und Erlebtes vor dem Vergessen zu bewahren und besondere Menschen und spezielle Geschichtenerzähler zu Wort kommen zu lassen. Paul Elbogen, Richard A. Berman alias Arnold Höllriegel, Eva Kollisch, Hans Eichner, Leo Spitzer, Fritz Kalmar, Lore Segal, Leon Kane und Benno Weiser Varon haben in dieser Reihe ihre Autobiografien und autobiografischen Romane veröffentlicht.
Der Belgier Roel Verschueren (Schweig wenn du sprichst, 2011), die französischen Autoren Franz-Olivier Giesbert und Philippe Ségur, der Däne Stig Dalager mit seinem Politthriller Das Labyrinth sowie Merih Günays Hochzeit der Möwen (2009) prägen das umfangreiche internationale Programm des Picus Verlags.
Erzählerische Leichtigkeit und literarische Originalität stehen im Vordergrund des dritten Segments im belletristischen Programm. Stefan Slupetzky, René Freund und Sabine M. Gruber beweisen, dass Tiefgang durchaus vergnüglich sein kann. Sylvie Schenk, Egyd Gstättner, Georg Elterlein und Rudolf Habringer mit Engel zweiter Ordnung (2011) haben allesamt Romane vorgelegt, die aus der Masse herausragen, und Judith W. Taschlers Romandebüt Sommer wie Winter (2011) spielt geschickt mit den Genres Familien- und Heimatroman. Walter Kohl gelingt es mit Das leere Land (2011) Geschichte und Gegenwart zu einem atemberaubeden Roman zu verknüpfen. Elisabeth Jupiters kenntnisreiche Analyse des jüdischen Witzes (No, warum nicht?) liegt mittlerweile schon in der zweiten Auflage vor.
Picus Lesereisen und Picus Reportagen
Zur Erfolgsreihe entwickelten sich die im Frühjahr 1998 gestarteten Picus Lesereisen: Sie sind sowohl Einstimmungslektüre für Reisewillige als auch Sehnsuchtslektüre für jene, die nicht zum Reisen kommen, und bilden so eine Brücke zwischen reinen Reiseführern und topografischer Belletristik.
Ob Rom, Barcelona, Tirol, Inseln des Nordens, Kroatien, Irland, die Provence oder New York: Renommierte Journalisten sowie freie Autoren geben den Lesern durch einen sehr persönlichen Zugang kundig Einblicke in den Alltag, die Mentalitäten und die Absonderlichkeiten der jeweiligen Reiseziele.
Mittlerweile haben die Verleger Dorothea Löcker und Alexander Potyka auch vier Sonderbände herausgegeben: Das Kulinarium Italien (überarbeitete Neuauflage 2011) sowie das soeben erschienene Kulinarium Spanien vereinen die sinnen- und genussfreudigsten Reportagen aus Küche und Keller, Britischer Lifestyle versammelt eine Reihe von Texten über die traditionellen und bisweilen skurrilen Besonderheiten der eigentümlichen Insulaner, und Skandinavische Lebensarten entführt in den exotischen Norden Europas.
1999 wurde dieser Schwerpunkt im Verlagsprogramm durch die Reihe Picus Reportagen erweitert. Erstklassige Autoren und Journalisten der großen deutschsprachigen Medien, aber ebenso freie Journalisten berichten meisterhaft von exotischen und vertrauten Schauplätzen wie etwa Kenia, Hamburg oder Armenien, sowie über prominente und unbekannte Helden und Opfer.
Bisher sind in diesen beiden Reihen knapp zweihundert Titel erschienen.
Sachbuch im Picus Verlag
Das Sachbuchprogramm teilt sich in mehrere Bereiche. Im Zentrum des Zeitgeschichteschwerpunkts stehen, in Abstimmung mit dem biografischen Programm, der Holocaust, die Erforschung von Verfolgung und Vernichtung von Minderheiten, Antisemitismus und Nationalsozialismus. Genannt seien stellvertretend Hans Safrian und Hans Witek, die in Und keiner war dabei den alltäglichen Antisemitismus im Wien des Jahres 1938 dokumentieren.
Ein weiterer Zweig der Sachbücher beschäftigt sich mit internationalen Phänomenen, wie etwa den Neuen Russen, die Tessa Szyszkowitz kenntnisreich vorstellt. Soeben erschien die politische Biografie Der Friedenskämpfer. Arafats geheimer Gesandter Issam Sartawi.
Seine Expeditionen führten Martin Leidenfrost hinter die österreichische Grenze (Die Welt hinter Wien) sowie in die belgische Metropole (Brüssel zartherb); da wie dort erweist er sich als profunder Menschenkenner.
Über Europa hinaus, in Richtung Asien, blickt Michael Gleich in Drache auf tönernen Füßen. Er erlebt hier den chinesischen Aufschwung als Ausdruck der Individualität der Chinesen.
Die große inhaltliche Vielfalt im Sachbuchprogramm wird durch Bücher zur Architektur und Psychoanalyse sowie Essays über Größen der Kunst- und Kulturgeschichte und zum Qualitätsjournalismus ergänzt. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften der Universität Wien erscheint die Reihe Theodor-Herzl-Vorlesung zur Poetik des Journalismus, in der namhafte Journalisten wie Klaus Harpprecht, Peter Huemer, Luc Jochimsen, Gerhard Kromschröder, Antonia Rados oder Alice Schwarzer über ihre Arbeit als Kulturleistung nachdenken.
Mit großem Erfolg erschien im Oktober 2008 der reich bebilderte, umfassende Band Vom Christbaum zur Ringstraße – Evangelisches Wien von Monika Salzer und Peter Karner.
Die bibliophile Reihe Wiener Vorlesungen, die in Kooperation mit der Stadt Wien erscheint, hat sich mit über hundertfünfzig erschienenen Titeln eine feste Klientel erworben. Die kleinen Bände mit Texten großer Autoren wie Paul Watzlawick, Eric J. Hobsbawm, Jan Assmann, Niklas Luhmann, Ruth Klüger, Konrad Paul Liessmann, Stephan Schulmeister oder Kathrin Röggla werden als handliche Einstiegslektüre in verschiedene Wissensgebiete geschätzt.
Kinderbuch im Picus Verlag
Das stark international ausgerichtete Kinderbuchprogramm definiert Kinderliteratur in erster Linie als Literatur. Nicht pädagogisch-didaktische Kriterien stehen im Vordergrund, sondern die Qualität von Geschichte und Illustration, die liebevolle Ausstattung und ein oftmals augenzwinkernder Humor.
Bilderbücher mit künstlerischem Anspruch nehmen einen wichtigen Platz im Programm des Picus Verlags ein, etwa Bailey, der Streuner (Chiara Carrer und Brett Shapiro), das erste Kinderbuch, das den »Staatspreis für das schönste Buch Österreichs« erhielt. Die mittlerweile verstorbene Autorin Adelheid Dahimène publizierte gemeinsam mit Heide Stöllinger nach dem preisgekrönten Schnell, Rudi, schnell! ein weiteres Buch im Picus Verlag: Zitter-Zitter-Zitterfisch. Heide Stöllinger lieferte außerdem die stimmungsvollen Illustrationen zu Heinz Janischs munterem Aufwachbuch Guten Morgen!.
Den schrägen Sprachwitz von Franzobel kleidet Sibylle Vogel in den Bänden Die Nase, Schmetterling Fetterling, Das große Einschlafbuch für alle Kleinen sowie Moni und der Monsteraffe in kongeniale Illustrationen. Anne-Kathrin Behls entzückendes Bilderbuch-Debüt Eins und vier macht stark über Freundschaft und gemeinsame Stärke erschien im Herbst 2009.
Wibke Brandes hat im Herbst 2008 mit Herr Montag hat verschlafen ihr erstes Buch im Picus Verlag veröffentlicht; im Frühjahr 2011 folgt mit Briefträger Meise die zauberhafte Geschichte eines Postzustellers, der aus seinem Alltagstrott ausbricht.
Der dänische Autor Morten Dürr schreckt auch vor tabuisierten Themen nicht zurück: Stille Post setzt sich mit Gewalt in der Familie auseinander, während Lass Samiras Hand nicht los kindliche Ängste thematisiert. In Gérard Moncombles Die Katze, die mit dem Schwanz wedelte (2009), außergewöhnlich illustriert von Paweł Pawlak, steht die Welt Kopf: Eine kleine Katze möchte unbedingt ein Hund sein …
Als besonders erfolgreich hat sich die Zusammenarbeit von Andrea Karimé mit der Illustratorin Annette Bodecker-Büttner herausgestellt: Tee mit Onkel Mustafa (2011) ist nach Nuri und der Geschichtenteppich, Die Zauberstimme und den beiden Soraya-Bänden bereits ihr fünftes gemeinsames Werk. Soeben erschien ein weiteres Buch im Picus Verlag: Lea, Opa und das Himmlesklavier.
Die bekannte Illustratorin Sophie Schmid hat nun auch ihren Weg in den Picus Verlag gefunden: Opa ist der Größte heißt ihr Bilderbuch.
Fridolin Franse frisiert von Michael Roher stellt einen der Überraschungserfolge der letzten Jahre dar: Sowohl bei Kindern als auch bei Jurys kommt die fantastische Frisierstube gut an und wurde schon mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Soeben erschien sein zweites eigenes Bilderbuch, Zu verschenken.