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In dieser Rubrik können Sie monatlich ein Kapitel eines ausgewählten Titels lesen.



Renée Wiener
Von Anfang an Rebellin
Erinnerungen

262 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-85452-680-3
22,90 Euro inkl. MWSt. Neu



Leseprobe

Von Anfang an Rebellin

Ein Dorf, in dem Gänse barfuß laufen

Die Großeltern mütterlicherseits


Ignaz und Lotte Wolf, meine Großeltern mütterlicherseits, starben, als ich noch sehr klein war. Großvater Ignaz war ein kleiner Mann, ganz grau. Ich erinnere mich, dass er einen Bart hatte und mir uralt erschien. Aber wahrscheinlich war er damals viel jünger, als ich es heute bin. Er saß immer neben dem Kachelofen und rauchte Pfeife. Er muss wohl sehr nett zu mir gewesen sein, sonst hätte ich ihn nicht so vermisst, als er starb. Ich kann mich daran erinnern, dass ich ihn unter dem Bett und in Schubladen suchte. Dass jemand gestern noch da war und heute nicht mehr. Selbst als Erwachsener kann man das Rätsel ja nicht lösen: Wo ist der Mensch? Wohin ist er verschwunden? Als kleines Kind war ich ja noch nicht fähig, abstrakt zu denken. Ich war überzeugt, dass sie ihn nur vor mir versteckten.
Schließlich begann ich zu weinen und die Großmutter bat meine Mutter, mich nach Hause zu schaffen. Ich heulte so verzweifelt, dass meine Mutter nicht auf den Aufzug warten wollte und mich durch das Treppenhaus trug – und alle Mieter steckten den Kopf aus der Wohnung, um nachzusehen, wer da so einen Lärm machte.
Großmutter Lotte wohnte in der Rembrandtstraße im zweiten Bezirk und starb, als ich ungefähr sieben war. Die Familie war orthodox, deshalb wohnten sie in der Leopoldstadt, wo damals sehr viele fromme Juden lebten. Später habe ich bei den Familienpapieren Briefe von ihr gefunden, aus denen hervorging, dass sie gar keine Kinder hatte haben wollen. Die würden viel zu viel Arbeit machen. Sie hätte lieber einen Beruf gelernt. Sie hatte jedoch neun Kinder! Vier davon sind noch sehr jung gestorben, meine Mutter ist mit vier Geschwistern aufgewachsen.
Meine Mutter erzählte immer, dass die Großmutter ein sehr strenges Regiment in der Familie führte und ihre Kinder wie ein General herumkommandierte. Das Licht musste immer ausgeschaltet werden und zu einer gewissen Zeit mussten sie zu Hause sein, dies und das durften sie nicht essen und naschen schon gar nicht. Es gab sehr viele Vorschriften – auch wenn meine Mutter und ihre Geschwister sich später nicht mehr daran hielten. Obwohl alle Kinder streng ungarisch-orthodox aufwuchsen, war meine Mutter die Einzige, die orthodox blieb, und das wohl auch nur, weil sie meinen Vater heiratete.


Der Großvater hatte etwas mit Schächten zu tun, also mit dem rituellen Schlachten. Aber das war, glaube ich, nur ein Nebenberuf. Ich weiß nicht, wie er sein Geld verdient hat. Die Familie kam verhältnismäßig spät nach Wien, zuerst lebte sie im Burgenland, in dem Teil, der heute Ungarn ist. In einem ganz kleinen Dorf in der Nähe von Sopron, meine Mutter sagte immer: »Das war ein Dorf, in dem die Gänse barfuß laufen.«
Als meine Mutter zwölf Jahre alt war, übersiedelte die Familie nach Wien, das muss um 1916 gewesen sein, mitten im Krieg. Der älteste Sohn war schon in Wien etabliert und hat die Familie nachgeholt.


Wir besuchten die Großmutter immer an einem Wochentag, weil meine Mutter dann auch gleich in einem der koscheren Fleischgeschäfte in der Leopoldstadt einkaufen konnte. Von unserer Wohnung im dritten Bezirk bis in den zweiten Bezirk war es ein ganzes Stück zu gehen, etwa zwanzig Minuten, aber man konnte am Donaukanal entlangspazieren. Zu den Besuchen bin ich eben mitgetrottet – meine Hoffnung war immer, dass wir bei der Naschkatze stehen bleiben, das war eine Konditorei am Donaukai, zwischen Schwedenplatz und Urania-Sternwarte. Dort gab es Katzenzungen aus Milchschokolade, die hatte ich so gern. Noch heute kann ich den Geschmack im Mund spüren, wenn ich daran denke.
Die Großmutter gab mir immer Silberschillinge, das ist auch das Erste, woran ich mich erinnere, wenn ich an sie denke. Wenn wir sie besuchten, bekam ich gleich einen Silberschilling und dann Schokolade. Großmutter war sehr schön, wie eine Porzellanpuppe, sehr zart, mit weißen Haaren und einem feinen Gesicht. Sie war lieb zu mir, aber sie hätte nie mit mir auf dem Boden gespielt oder mir auch nur Geschichten vorgelesen. Wenn wir sie besuchten, unterhielt sie sich hauptsächlich mit meiner Mutter und ich machte währenddessen die Wohnung unsicher. Mein Onkel Willi lebte bei ihr, der hatte lauter interessante Sachen – Rasierspiegel und Malsachen –, und die habe ich in der kurzen Zeit, in der sie sich unterhalten haben, alle kaputt gemacht.


Über die Beziehung meiner Mutter zu ihrer eigenen Mutter kann ich nicht viel sagen. Wenn meine Mutter Sorgen hatte, rief sie Freunde an und nicht die Großmutter. Aber nach ihrem Tod vermisste meine Mutter sie furchtbar und sprach oft von ihr. Sie sagte selbst, dass sie nicht gewusst habe, dass sie so an ihrer Mutter hänge.
Einmal mischte sich die Großmutter sogar in eine Familienangelegenheit ein: Meine Mutter hatte mich verprügelt und unser Dienstmädchen, die Anna, die mich sehr liebte und immer beschützte, ist dazwischengegangen. Sie hat meiner Mutter gesagt, dass es sehr leicht ist für eine große dicke Frau, ein kleines Kind zu schlagen! Daraufhin wurde meine Mutter wütend und gab ihr einen Stoß. Die Großmutter war da gerade bei uns zu Besuch und fuhr sie an: »Hab ich dir beigebracht, so mit Dienstboten umzugehen?« Und sie hat meine Mutter geohrfeigt! Das hat mir natürlich großartig gefallen! Die Großmutter war eine ganz kleine Frau und die Mutti war größer als sie und trotzdem gab sie ihr eine Ohrfeige. Und das alles wegen mir, sehr schön!
Damals stellte sich übrigens auch mein Vater klar auf Annas Seite und redete meiner Mutter ins Gewissen: »Erstens rührt man einen Dienstboten nicht an und zweitens wirst du so eine nie wieder finden auf der ganzen Welt.«



Gott hat möglicherweise einen jiddischen Akzent

Die Großeltern väterlicherseits


Die Familie meines Vaters kam ursprünglich aus Polen, aus Długie. Das ist ein ganz kleines Nest. Warum die Familie nach Deutschland ging, weiß ich nicht. Mein Vater hat nie darüber gesprochen und ich habe ihn nie gefragt. Ich weiß zum Beispiel gar nichts über seine Großeltern, für ihn begann die Familiengeschichte erst in Frankfurt.
Mein Vater wuchs schon in Deutschland auf, er war nur in Długie geboren, weil seine Mutter zur Geburt zu ihrer Familie gefahren war. Aber sie kam mit dem Baby gleich zurück. Er hatte also gar keine Erinnerung an Polen und wollte auch nicht darüber sprechen. Es war immer ein Tabuthema. Die polnischen Juden kamen ja meist als Flüchtlinge während des Ersten Weltkriegs nach Deutschland oder Österreich. Sie waren weniger gebildet, hatten andere Manieren und sprachen kein anständiges Deutsch. Also wollten die ansässigen Juden nichts mit ihnen zu tun haben, vor allem wollten sie nicht mit diesen Leuten in einen Topf geworfen werden. Aus Ungarn zu kommen, wie die Familie meiner Mutter, war schon schlimm genug. Aber aus Polen? Das ging gar nicht!


Wir wohnten im dritten Bezirk und sehr viele meiner Freunde waren jüdische Kinder, aber außer uns war niemand religiös. Wir hielten auch koscher, ich durfte also nicht bei meinen Freunden essen. In dieser Hinsicht hätten wir viel besser in den zweiten Bezirk gepasst. Die Leopoldstadt nannte man »Mazzesinsel«, weil dort so viele orthodoxe Juden wohnten. Aber mit den Kindern aus dem zweiten Bezirk sollte ich mich ja nicht abgeben, damit ich von ihnen nicht irgendwelche Manieren oder einen Akzent annehme. Das war etwas schwierig, aber die Abwehr gegen alles Polnisch-Jüdische war groß und die meisten orthodoxen Juden waren eben Polen. »Ostjuden« nannte man die bei uns.
Sogar viel später, während der Emigration, als wir uns in Nizza noch frei bewegen konnten, gab es diese Vorurteile. Es existierten zu dieser Zeit schon Lager in Frankreich, nicht Vernichtungslager, aber Anhaltelager der französischen Regierung, in denen furchtbare Verhältnisse herrschten. Wenn wir in den Jugendbewegungen für diese Leute Geld und Kleidung und Lebensmittel sammelten, hieß es oft genug: »Sind das Ostjuden?« Denen hätte man nichts gegeben. Ich habe mich gehütet zuzugeben, dass meine Familie eigentlich aus Polen kommt.
Man sprach in der Familie nie offen darüber, wo das Problem lag. Meine Tante, die Schwester meines Vaters, hatte interessanterweise einen Polen geheiratet und war zu ihm auf einen Bauernhof in Polen gezogen. Die haben wir ein paar Mal besucht, daran erinnere ich mich sehr gut. Aber das war etwas anderes, sie sprach auch tadellos Deutsch, wenn sie zu uns nach Wien kam. Das galt auch für ihre Kinder, und man hätte sie nie als »Polen« oder »Ostjuden« bezeichnet.
Das blieb immer sub rosa, also unausgesprochen, etwas, das jeder wusste, das aber nie Gesprächsthema sein durfte. Meine Eltern hätten außerdem nie zugegeben, dass sie dieselben Vorurteile hatten wie die anderen. Da war immer noch die Angst, dass man, Gott behüte, möglicherweise doch einen jiddischen Akzent hatte wie diese Ostjuden.


Die Mutter meines Vaters hieß Hannah Kurz. Ich habe sie nie kennengelernt, sie starb ein paar Wochen vor meiner Geburt in Baden-Baden an einer Herzkrankheit. Aber man hat mir viel von ihr erzählt. Anscheinend war sie eine sehr begabte Geschäftsfrau. Mit ihrem Mann führte sie ein Tuchgeschäft, sie handelten mit Stoffen für Anzüge und Mäntel. Außerdem versorgte sie zwei Kinder und den Haushalt und war zudem noch eine gute Gastgeberin. Meine Mutter hatte sie sehr gern, was ja eher selten vorkommt zwischen Schwiegertöchtern und Schwiegermüttern.
Nach ihrem Tod übersiedelte mein Großvater Mendl Kurz nach Wien, wo er zwei oder drei Jahre bei uns wohnte. Ich erinnere mich, dass er sich sehr um mich gekümmert hat. Er war eine absolute Respektsperson, obwohl er mich nie geschlagen hat und nicht einmal mit Ohrfeigen drohte, was meine Mutter häufig tat.
Er half mir bei den Schularbeiten und hatte viel mehr Geduld mit mir als irgendjemand sonst. Ich erinnere mich an eine meiner ersten Hausaufgaben in der Volksschule. Es war eine ganze Seite mit »S« zu bemalen, aber ich habe es jedes Mal seitenverkehrt geschrieben. Das hat mich ganz wild gemacht. Da ist der Großvater gekommen und hat mir die Hand geführt und gezeigt, wie man es macht. Und er ist neben mir sitzen geblieben, bis ich die neue Seite fertig geschrieben hatte, und hat irgendwas vor sich hin gesungen. Wenn ich wieder mal einen Wutanfall hatte, schickte er alle aus dem Zimmer und versprach mir Katzenzungen, wenn ich meine Aufgaben ruhig und ordentlich machte. Das hat immer funktioniert. So gesehen war er ein sehr guter Pädagoge.


Großvater Mendl war ein bärtiger Mann, mit einer Warze auf der Wange und einer sehr imposanten Figur. Er hielt sich immer kerzengerade, fast militärisch. Meine Mutter war besonders nett zu ihm, aber ich glaube, sie war nicht wirklich glücklich, dass er bei uns wohnte. Sie hat darauf gedrängt, dass er sich wieder eine eigene Wohnung nimmt. Mein Vater hing sehr an ihm und sie hat sicher nie offen gesagt, dass der Großvater wieder ausziehen soll. Aber ich weiß, dass sie manchmal mit der Anna darüber sprach.
Schließlich heiratete Großvater Mendl wieder und zog mit seiner Frau in eine Wohnung, von der aus man den Kahlenberg sehen konnte. Mein Vater war über diese Hochzeit nicht sehr erfreut, wir alle mochten seine zweite Frau nicht besonders. Ich kann mich nicht einmal an ihren Namen erinnern. Wir nannten sie immer nur die »Tante«. Jeden Dienstagabend kam sie mit dem Großvater zum Essen.
Die »Tante« war klein, hatte dünnes Haar und war langweilig. Eine ziemlich ungebildete Frau, die ganz fettige Hände hatte, weil sie beim Essen nicht immer das Besteck nahm. Wenn ich so etwas gemacht hätte, dann wäre eine Ohrfeige fällig gewesen, aber sie durfte sich das erlauben.


Als Großvater Mendl starb, war ich neun oder zehn. Er war der Letzte von den Großeltern, dann hatte ich keine mehr. Ich erinnere mich, dass der Vater weinte, als der Großvater starb. Das hat mich sehr erschüttert, man sieht ja seinen Vater selten weinen. Er ließ alle Spiegel schwarz verhängen, das ist ein jüdischer Brauch. Die Tränen liefen ihm nur so übers Gesicht.
Im jüdischen Glauben gibt es diesen ausdrücklichen Trost mit dem Himmelreich nicht. Es gibt eine kommende Welt, aber man nimmt das nicht so wörtlich wie die christliche Religion. Zumindest wurde mir das nie so vermittelt. Ich habe mir nie vorzustellen versucht, wo die Großeltern nach dem Tod wohl sein mögen. Vielleicht stand ich ihnen auch nicht nahe genug.
Heute macht man das ja anders mit den Kindern. Auch wenn nur ein Hund oder eine Katze stirbt, versucht man, ihnen die Sache mit dem Tod zu erklären. Bei uns war das anders. Man hat überhaupt viel weniger erklärt, sondern uns eher unserer Fantasie überlassen, was nicht immer gut war.


Nach dem Tod meines Großvaters kam die »Tante« weiterhin jede Woche ins Haus, mein Vater zahlte ihr aus dem Erbe des Großvaters einen Unterhalt und fühlte sich wohl verantwortlich für sie. Obwohl mein Vater sie nicht besonders mochte, war er sehr pflichtbewusst und drängte sie immer, uns zu besuchen und die Verbindung zu uns aufrechtzuerhalten. Ich hörte manchmal, wie er mit der Mutter über sie sprach.
Meist ignorierte sie uns Kinder, so gut es ging. Ich konnte es nicht ausstehen, wenn sie zu Besuch kam. Manchmal blieb sie sogar über Nacht, wenn das Wetter schlecht war. Dann wurde ihr in meinem Spielzimmer ein Bett aufgestellt. Ich hatte dann keinen Platz zum Spielen und konnte es überhaupt nicht erwarten, dass sie wieder ging. Irgendwann habe ich ihr gesagt, dass sie nicht kommen muss, um das Geld von meinem Vater zu kriegen. Das hat sie den Eltern gepetzt und noch heute verbinde ich mit ihr vor allem die Erinnerung an eine ordentliche Tracht Prügel. Meine Mutter war der Ansicht, dass man ab und zu eine Ohrfeige geben und ein Kind auch übers Knie legen dürfe. Aber dann darf man es nur auf den Popo schlagen und sonst nirgends. Sie selbst hat mir nur hin und wieder einen Klaps gegeben. Sie hätte mich auch gar nicht erwischt, manchmal hat sie mich um den Tisch herum gejagt, mich aber nie gefangen. Mein Vater war viel beweglicher und Prügel waren bei uns Vatersache. Ich habe in meinem Leben aber nur ein paar Mal Prügel von ihm bekommen, das war einmal.
Ich weiß gar nicht, was aus der Tante geworden ist, vielleicht ist sie noch vor dem Einmarsch gestorben. Sie war schon ziemlich alt.



Wir haben nie erfahren, was aus ihnen geworden ist

Die Verwandten


Tante Toni war jene Schwester meines Vaters, die nach Polen geheiratet hatte und dann Kornfeld hieß. Die ganze Familie war außer sich über diese Heirat, mein Vater hat einmal gesagt, dass es eine »große Katastrophe« für die Familie war. Aber dann haben sie es doch akzeptiert, obwohl dieser Leo Kornfeld nicht nur Pole, sondern auch nicht besonders fromm war. Mein Vater hing sehr an Tante Toni, sie war eine schöne, charmante und intelligente Frau. Ihre Tochter Dolly war ein bisschen älter als ich und Marzele, ihr Sohn, etwas kleiner als meine Schwester.
Wir haben sie einige Male besucht. Der Hof der Kornfelds lag in der Nähe von Krakau, wir fuhren mit der Eisenbahn bis Krakau und dann noch ungefähr eine Stunde mit dem Fiaker auf das Gut. An den Namen des Dorfes kann ich mich nicht mehr erinnern.
Dort war es sehr schön, es gab viel Platz zum Spielen. Es war eigentlich kein Bauernhof, sondern eher ein Gut. Die Kornfelds besaßen viele Wiesen und Wälder und lebten von der Landwirtschaft, obwohl sie nicht selbst das Land bestellten. Wir durften nackt im Fluss baden, was zu Hause nicht erlaubt war. Das Essen hätte mir sicher geschmeckt, aber weil sie nicht koscher hielten, mussten wir fast alles mitbringen. Kalte Speisen konnten wir zum Teil essen, Fisch zum Beispiel. Aber nichts, das in ihren Töpfen gekocht wurde. Das wäre dann nicht mehr koscher gewesen. Wir haben also Nudeln aus Wien mitgebracht und Käse und Topfen gegessen, das war weniger problematisch. So ein Ausflug zu meiner Tante bedeutete also eine riesige Schlepperei: Zum üblichen Reisegepäck kamen noch die Lebensmittel in allen möglichen Vorratsbehältern.
Die Verwandten sprachen sehr gut Deutsch, aber im Dorf mussten meine Cousine und meine Tante dolmetschen. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass es dort eine jüdische Gemeinde oder eine Synagoge gegeben hätte. Während der Besuche gingen wir am Schabbat also nicht in den Tempel. Das war schon ungewöhnlich.


Ich mochte meine Cousine und meinen Cousin sehr. Dolly war ja etwas älter, das imponierte mir natürlich, dass die mit mir spielte. Und der Kleine war sehr herzig. Vor allem genoss ich aber die Freiheit, dass ich herumlaufen durfte, ohne immer genau zu sagen, wohin ich gehe und wann ich zurückkomme.
Tante Toni mochte ich auch, die war sehr lieb zu mir. Außer­dem hatte sie einen großartigen Sinn für Humor. Am besten gefiel mir, wie sie mit mir redete. Sie interessierte sich einfach für Kinder. Da gab es eine richtige Beziehung zwischen uns.
Auch meine Mutter freute sich immer, wenn die Tante Toni nach Wien kam. Sie lud sie sogar ein, möglichst oft zu kommen. Aber möglichst allein! Dolly und Marzele waren nicht gerade gut erzogen. Wir haben immer sehr großen Tumult gemacht, wenn sie bei uns waren.
Onkel Leo kam nie mit, deshalb lernte ich ihn auch nicht wirklich gut kennen. Mein Vater hielt Kontakt zu Tante Toni. Eigentlich machte er sich dauernd Sorgen um sie. Wenn er ein paar Tage lang nichts von ihr gehört hatte, hat er gleich telegrafiert. Gut, dass er nicht erfahren musste, dass sie den Krieg nicht überlebt hat.
Wir haben nie herausgefunden, was aus ihnen geworden ist. Meine Mutter korrespondierte nach dem Krieg mit Leuten aus Krakau, die hatten gehört, dass man die Familie im Haus ermordet hätte. Aber ich habe nie ein Dokument darüber gesehen. Polen ist ein schreckliches Land. Als ich später einmal dort war, konnte ich niemanden finden, der mir Auskunft geben wollte oder konnte. Früher sprachen die Polen alle entweder Deutsch oder Französisch, aber jetzt ist nichts mehr zu machen. Nicht einmal in den Archiven in Auschwitz habe ich herausgefunden, was aus der Familie Kornfeld geworden ist.


Unsere anderen Verwandten lebten etwas näher bei uns, in Neunkirchen bei Wiener Neustadt. Das waren Tante Rella und Onkel Max Schlesinger und ihre beiden Söhne Bruno und Kurt. Tante Rella war die Schwester meiner Mutter.
Dort war ich oft in den Ferien, als ich noch klein war. Die Mutti sagte immer: »Der Onkel Max ist der anständigste Mann auf der Erde.« Wenn er irgendwo hinkam, wo gestritten wurde, haben sich alle beruhigt. Er hat immer einen Ausweg gefunden. Onkel Max war ein sehr gemütlicher Mensch, meine Tante war das absolute Gegenteil davon. Die war immer aktiv und nervös. Eine ganz merkwürdige Ehe, aber sie haben sich sehr gut verstanden. Er ließ sie einfach machen, was sie wollte.
Tante Rella kochte mir feine Sachen, zum Beispiel Topfenstrudel, den ich sehr liebte. Und Wiener Schnitzel! Sie hatte einen Sauberkeitsfimmel, hat jeden Apfel mit der Reibbürste und Kernseife gewaschen. Dementsprechend musste man auch sehr saubere Hände vorzeigen können. Und wenn, Gott behüte, die Gabel hinunterfiel, durfte man sie ja nicht mehr benutzen!


Die Schlesingers besaßen ein großes Motorradgeschäft, in dem ich mich sehr gern aufhielt. Ich sah ihnen beim Verkaufen zu. Eigentlich war es mir verboten, auf einem Motorrad mitzufahren, aber der jüngere Cousin, Kurt, nahm mich oft mit. Bis wir einmal einen Unfall hatten. Dann ist man uns auf die Schliche gekommen und es war vorbei mit den Ausflügen. Kurt war acht Jahre älter als ich, der nahm mich überallhin mit. Das schmeichelte mir sehr, mit den großen Burschen herumzuhängen, ich war sehr stolz, dass ich bei ihm sein durfte.
Nur einmal hätte mir Kurt fast die Freundschaft aufgekündigt: Er war ein Hobbyfotograf und ich durfte mit in die Dunkelkammer und ihm zusehen, wie er Filme entwickelte. Leider schleppte ich die Katze mit, die prompt ihr Geschäft verrichtete. Es fing wahnsinnig zu stinken an und ich wollte unbedingt aus der Dunkelkammer raus. Aber das hätte natürlich die Fotos ruiniert. Schließlich hieß es: »Wenn du jetzt rausgehst, dann nehme ich dich nie mehr irgendwohin mit!« Also hielt ich durch, so wichtig war mir diese Freundschaft.


Natürlich waren die Schlesingers Juden, aber eigentlich völlig unjüdisch. Die Tante war wie meine Mutter streng religiös aufgewachsen, hatte aber kaum etwas davon behalten. Und Onkel Max kam aus einer areligiösen Familie und kannte überhaupt keine Traditionen.
Trotzdem war es nicht leicht für sie, als mein Cousin Bruno zum Katholizismus übertrat. Er war wirklich davon überzeugt, das war schon lange vor dem Einmarsch. Nach 1938 haben ja viele gehofft, dass sie ein Übertritt retten kann. Juden haben sich im Lauf der Geschichte oft taufen lassen, aus allen möglichen Gründen, weil sie sonst einen Job nicht bekommen hätten oder aus anderen materiellen Gründen. Aber bei Bruno war das anders. Er war tiefgläubig und ist es heute noch.
Wenn jemand austritt, dann ist das eine enorme Sache in einer jüdischen Familie. Im Jüdischen gibt es den Brauch des Schiwe-Sitzens. Eigentlich macht man das, wenn jemand stirbt, dann trauert man eine ganze Woche lang – die Schlesingers trauerten so um ihren Sohn.
Aber danach nahmen sie die Verbindung wieder auf, sie waren nicht verfeindet. Besonders meine Mutter hielt Bruno immer die Stange, er war ein interessanter und freundlicher Mensch. Sie stritt sich sogar mit Tante Rella, sie fand immer, dass jeder seinen eigenen Weg gehen müsse und dass man sich da nicht einmischen dürfe. Mir war es unangenehm, dass die Schwestern stritten: Ich wollte auf keinen Fall, dass ich die Verwandten nicht mehr besuchen durfte.


Die »Buben« Bruno und Kurt sind heute 98 und 92 Jahre alt. Sie haben es aus Österreich hinaus geschafft, sie leben heute beide in den USA. Sie machten sich wahnsinnige Vorwürfe, dass sie die Eltern nicht retten konnten, bevor es zu spät war. Vielleicht haben sie deshalb die ganze Sache verdrängt, sie haben nie aktiv nachgeforscht und auch ihren Kindern nichts davon erzählt.
Aber ich habe auf allen möglichen Wegen versucht herauszufinden, was aus den Schlesingers geworden ist. Onkel Max wurde irgendwann zwischen dem Einmarsch und der Flucht der Söhne so zusammengeschlagen, dass er daran starb. Anscheinend hat er sich gegen die »Arisierung« seines Geschäfts gewehrt, ich glaube, er ist noch in Neunkirchen gestorben. Tante Rella wurde angeblich nach Theresienstadt deportiert und soll dort gestorben sein, aber es gibt keine Dokumente darüber. Im Totenbuch von Theresienstadt findet man sie nicht.


Die einzigen Verwandten, die ich regelmäßig sah, waren die Brüder meiner Mutter, Willi und Lajos. Onkel Lajos war der Jüngere. Meine Mutter liebte ihn sehr, aber er war beruflich nicht sehr erfolgreich. Mein Vater und Onkel Willi haben immer versucht, ihn irgendwie in ihren Geschäften unterzubringen. Sie betrieben zum Beispiel ein Automatenbuffet und machten Onkel Lajos zum Geschäftsführer.
Arbeit interessierte ihn aber eigentlich nicht sehr, lieber ging er tanzen. Man konnte viel Spaß mit ihm haben. Ich erinnere mich, dass er mich eines Tages elf Mal mit dem Ringelspiel fahren ließ. Das war großartig.
Weil er der Jüngste in der Familie meiner Mutter war, hat sie ihn immer bemuttert und sich um ihn gekümmert. Er schwindelte beim Kartenspielen und sie fand das auch noch komisch. Er hatte viel Humor, und wenn er ins Haus kam, brauchte er nur fünf Minuten, bis sich alle köstlich amüsierten. Man wachte förmlich auf, wenn er ins Zimmer kam, so lebendig war er. Dabei sah er nicht wirklich gut aus, dazu war seine Nase zu groß. Aber sein Gesicht war sehr herzig und sympathisch. Er war zwar verheiratet und wohnte mit Tante Poldi in der Porzellangasse, aber er kam trotzdem regelmäßig zu uns. Tante Poldi war eine wirkliche Schönheit mit kohlschwarzen Haaren und blauen Augen, die Leute drehten sich auf der Straße nach ihr um. Im Gegensatz zu meinem Onkel war sie beruflich sehr erfolgreich, sie arbeitete als Bürovorstand für einen Rechtsanwalt. Wahrscheinlich verdiente sie mehr als mein Onkel, auf jeden Fall regelmäßiger. Es war eine gute Ehe, auch wenn sie keine Kinder hatten.
Lajos und Poldi haben den Krieg überlebt, wenn auch mit vielen Schwierigkeiten. Er war in Dachau und dann auf einem dieser Schiffe, die man nirgendwo anlegen ließ und schließlich nach Frankreich zurückschickte. Dann war er Zwangsarbeiter in Frankreich. Später versteckte er sich mit Tante Poldi bei einer alten Französin in einem Keller. Das war eigentlich nur ein Erdloch, stockfinster, man durfte nur flüstern, damit einen ja keiner hörte. Einmal am Tag brachte die alte Frau ihnen Essen und leerte den Kübel aus. Dort blieben sie bis zum Ende des Krieges und überlebten so.
Danach war Onkel Lajos eine Zeit lang ziemlich krank, und auch nachdem sie sich in Paris niederließen, ging es ihnen sehr schlecht. Er durfte nicht legal arbeiten, aber er baute trotzdem eine Existenz auf, ging von Tür zu Tür und handelte mit Stoffen. Bald nach seiner Pensionierung ist er gestorben, das war 1971. Er war körperlich gebrochen von dem, was er im Krieg erlebt hatte. Auch Tante Poldi hat sich nie mehr davon erholt.


Onkel Willi war eine sehr wichtige Figur in unserer Familie. Für meine Mutter war er der große Bruder, der die Familie nach Wien gebracht hatte. Die Familie Wolf kam eigentlich aus einem kleinen Dorf bei Sopron. Von dort schickte man Onkel Willi, den ältesten Sohn, zum Studieren nach Wien, und er etablierte sich dort irgendwie geschäftlich, obwohl er noch ziemlich jung war. Er eröffnete ein Geschäft, Metallimport und -export, und war damit sehr erfolgreich. Als der Rest der Familie nach Wien nachkam, war er schon gut eingeführt und half meiner Mutter, sich zurechtzufinden. Er war viel älter als sie, sie war damals noch ein Kind, erst zwölf Jahre alt. Und er war zwanzig und schon ein erfolgreicher Geschäftsmann. Rella stand ihm im Alter näher. Dann kam meine Mutter, dann Lajos.
Onkel Willi arbeitete einige Zeit für meinen Vater, sie hatten sogar ein gemeinsames Büro. Er hatte keine eigene Familie und keine Kinder. Deshalb spielte er eine große Rolle in meinem Leben. Als ich klein war, ging er mit mir jeden Sonntag in den Stadtpark und in die Konditorei. Am Ring traf er immer Bekannte, mit denen er sich unterhalten musste, dann gingen wir auf den Spielplatz. Als ich dann langsam zu alt für den Spielplatz wurde, gingen wir stattdessen ins Theater. Er war ein großer Opernenthusiast. Den »Maskenball« hat er sechsunddreißig Mal gesehen! Musik war in Wien damals wichtig, auch meine Mutter liebte Musik. Aber Onkel Willi war ein Musiknarr. Von ihm bekam ich auch meine ersten Schmuckstücke. Das war ein kleines Kästchen mit einem Spiegel drin und einem schönen Onyxring und einer Halskette.
Mit dem Onkel Willi konnte ich Sachen unternehmen, die mit den Eltern nicht infrage kamen, hauptsächlich Sport. Er hielt sich ein eigenes Pferd und brachte mir das Reiten bei. Die wichtigste Sache aber war das Skilaufen. Er kaufte mir die allererste Skiausrüstung, Ski, Anzug und Schuhe. Und er setzte durch, dass ich in den Skikurs gehen durfte. Das war meinen Eltern eigentlich gar nicht recht: Da würde ich möglicherweise auf schlechte Gedanken kommen, trefe essen und am Schabbat Ski fahren! Überhaupt setzte er vieles für mich durch, das meine Eltern nicht erlauben wollten. Ich habe ihn immer als meinen Fürsprecher betrachtet und er war meist erfolgreich, weil meine Mutter sehr auf ihn hörte und auch mein Vater seine Meinung respektierte. Wenn mein Onkel etwas durchsetzen wollte, schaffte er das gewöhnlich mit friedlichen Mitteln. Manchmal sagten die Eltern »Nein« und dann blieb es »Nein«, aber vieles, was sie mir eigentlich nicht erlaubt hätten, konnte Onkel Willi für mich durchsetzen.
Das einzige Gebiet, wo er sich überhaupt nicht durchsetzen konnte, war die Religion. Er war ja überhaupt nicht religiös. Meine Mutter war es auch nicht wirklich, aber die ordnete sich da völlig meinem Vater unter. Der Vater war ernstlich fromm, aber es kam trotzdem nie zu einem wirklichen Streit darüber.
Onkel Willi wohnte bis zum Ende in der Rembrandtstraße, zuerst mit seinen Eltern und nach dem Tod meiner Großmutter dann alleine. Er dürfte einige Freundinnen gehabt haben, die ich aber nie kennenlernte. Ich habe nur von meiner Mutter einiges gehört.
Dabei war er kein besonders gut aussehender Mann, nur mittelgroß, und die Haare verlor er schon recht früh. Aber er war immer sehr fein angezogen. Er dürfte auch gut verdient haben, denn er konnte sich ein Auto leisten, was damals in Wien nicht viele konnten. Meine Mutter ärgerte sich über seine Frauengeschichten, ihr wäre es lieber gewesen, wenn er endlich geheiratet hätte. Sie versuchte immer, sich in sein Privatleben einzumischen. Sie nannte ihn egoistisch. In unserer Familie waren alle anderen verheiratet, Onkel Willi war der einzige Junggeselle in einem gewissen Alter.


Nach dem Krieg versuchten wir, seine Spur aufzunehmen. Aber das ist uns nicht gelungen, wir haben nur wenig über ihn erfahren. Die wenigen Briefe, die wir von ihm bekamen, klangen sehr verwirrt. Ich weiß nicht, was ihm zugestoßen ist, aber er klang fast geisteskrank. Wir haben nie herausgefunden, wo er nach seiner Entlassung aus Dachau hingegangen ist und ob er den Krieg überlebt hat. Ich habe ihn auf keiner Liste gefunden. Ich weiß nicht, ob er deportiert worden ist oder eines natürlichen Todes starb.