Bastienne Voss im Gespräch zu »Grünauge sieht dich«

erstellt am 02. September 2019

»Wichtig ist, dass alle drei Protagonisten recht und unrecht zugleich haben.«

Woher kam die Idee für »Grünauge sieht dich«?

Ich wollte eine von vielen Geschichten erzählen, die meiner Meinung nach noch nicht erzählt sind, auch wenn sich der Fall der innerdeutschen Mauer in diesem Jahr zum dreißigsten Mal jährt. Es wird gerne gesagt, die deutsche Teilung sei doch Schnee von gestern. Wir seien schon lange ein Volk und sollten nur noch nach vorne schauen. Das sehe ich komplett anders. Historisch betrachtet sind dreißig Jahre nichts, und Aufarbeitung braucht ihre Zeit, erst recht, wenn es sich um ein so einmaliges Ereignis handelt. Die Handlung spielt vor, während und nach der Wende. Die Hauptprotagonistin Iris Landowski, ein sechzehnjähriges Mädchen und Tochter eines Offiziers im Dienst der Staatssicherheit, verliebt sich in dessen operativen Vorgang, den Atomphysiker Henry Weber. Es entsteht ein großer Konflikt zwischen Iris und ihrem Vater. Einerseits könnte Henry Weber, der Mann aus dem Westen, ihre erste große Liebe sein, andererseits glaubt sie an die Ideale ihres Vaters. Und dann passiert etwas Unfassbares. Am Anfang des Romans hat Iris ein Vaterland, die Deutsche Demokratische Republik, in der sie aufgewachsen und die ihr vertraut ist. Und am Ende des Romans hat sie keinen Vater mehr und auch kein Land, weil es über Nacht verschwunden ist. Wo gibt es denn so etwas? Es lag mir sehr am Herzen, eine solche Geschichte zu erzählen, denn sie hat indirekt auch mit mir zu tun, meinen Erfahrungen, meinem Leben in der DDR. Die Zeit der Wende war für mich eine extrem wichtige Zeit, denn ich war in einem Alter, in dem man noch auf der Suche nach sich selbst ist. Uns allen ist über Nacht das Vaterland abhandengekommen. Das ist ein Fakt, der nicht bewertet werden muss. Der Roman handelt von Glaube und Zweifel, von Angst und Mut, von Verlust und Neubeginn.

Und wichtig ist, dass alle drei Protagonisten recht und unrecht zugleich haben. Es gibt keinen Helden und keinen Versager, und keiner ist nur gut oder nur böse. In solchen Kategorien wird ja gerne gedacht.

 

Wie haben Sie für den Roman recherchiert?

Der Roman ist fiktional, aber er beruht auch auf wahren Begebenheiten. Dass dies so ist, war letztendlich der entscheidende Impuls für das Schreiben. Ich wollte so genau wie möglich an der Figur des Leo Landowski dran sein. Und für den Mann aus dem Westen, der angeworben werden soll, gab es ein reales Vorbild in meinem näheren Umfeld.

 

Die letzten Tage der DDR sind im Buch eindrucksvoll beschrieben …

Ich habe diese Tage sehr intensiv erlebt und musste mich nur genau erinnern. Es herrschte eine große Ratlosigkeit. So konnte es nicht weitergehen, man hielt eine Menge für möglich, aber kein Mensch dachte daran, dass die Mauer fallen würde. Und dann fällt sie, was für ein Wahnsinn!

 

Die Wende ist auch eine bedeutende Veränderung in Iris Landowskis Leben.

Natürlich. Iris ist am Übergang zum Erwachsenwerden, als sie ihren Vater und ihr Land verliert, und sieht in eine ungewisse, aber vielleicht auch große Zukunft. Sie kann das nicht wissen. Alles zusammen ist bedeutend im Leben eines Menschen, noch dazu in diesem Alter.