Ivan Ivanji im Gespräch zu »Tod in Monte Carlo«

erstellt am 06. März 2019

»Schreibwut als unheilbare Krankheit«

Zeitgeschichte und Erinnerung als Nährboden von Literatur: In Romanen wie »Schlussstrich« und »Mein schönes Leben in der Hölle« widmete sich Ivan Ivanji der literarischen Aufarbeitung seiner Familiengeschichte. Sein jüngster Roman, »Tod in Monte Carlo«, erzählt von dem alternden Arzt Moritz Karpaty, der Ende der dreißiger Jahre in bedrückender Starre in Monte Carlo verharren muss, während die Welt um ihn herum in die Katastrophe schlittert.

Schauplatz und Zeit der Handlung sind nicht zufällig gewählt – wessen Geschichte erzählen Sie in »Tod in Monte Carlo«?
Mein Großvater fuhr mit seinem Freund kurz vor Ausbruch des Weltkriegs für eine Woche nach Monte Carlo. Sie kehrten gesund und munter zurück. Nach dem Einmarsch der Hitlertruppen in unsere Heimatstadt begingen Großvater und Großmutter Selbstmord. Das war der Ausgangspunkt.

Wie verhalten sich Erinnerung und Literatur zueinander in Ihrem Werk?
Moritz Karpaty ist von meinem Großvater, der Moritz Ivanji hieß, inspiriert. Seine Familie ist genauso erfunden wie der Spielgewinn und die große Amour fou in Monte Carlo. Viktor Elek hingegen ist der richtige Name des Zuckerfabrikdirektors in meiner Heimatstadt, der ähnlich auch in meinem Roman »Das Kinderfräulein« erscheint. Er ist tatsächlich so ermordet worden, wie ich es beschreibe. Solche Gestalten nähern sich mir schwankend immer öfter, je älter ich werde.

Was bewog Sie dazu, gerade nun diese Geschichte zu Papier zu bringen?
Ich fürchte, bei mir ist es Schreibwut als unheilbare Krankheit.

Hat Moritz Karpatys Situation einen Bezug zur heutigen Welt?
Millionen von Menschen, deren einziger Unterschied zu uns ist, dass sie aus einem anderen Kulturkreis stammen, sind heute in derselben Situation wie mein Held Moritz Karpaty und alle anderen Juden, die vor acht Jahrzehnten von irgendwoher irgendwohin flüchteten. Vieles ist anders, aber wie sie sich fühlen, ihre Unsicherheiten und Ängste, ihre Hoffnungen, Misstrauen und Unverständnis, auf die sie stoßen, sind dieselben.

Sie haben gerade Ihren 90. Geburtstag hinter sich – was wünschen Sie sich?
Geburtstage sind nur Meilensteine, der Weg, auf dem man sie aufstellt, ist das Ziel. Goethe unterzeichnete seine Briefe manchmal mit »Lieben Sie mich!«. Wenn er, der Größte, so etwas wünschte, wünsche ich mir es in aller Bescheidenheit ebenfalls.