Thomas Sautner im Gespräch zu »Großmutters Haus«

erstellt am 05. März 2019

»Hirn- und Herzensbildung«

Woher kam die Idee zu »Großmutters Haus«?
Die Idee entsprang dem Buch davor. Es hat sich rasch herausgestellt, dass die Figuren weiterleben möchten, im Speziellen Malina, die Protagonistin. Malina lebt in der Stadt, ist Studentin und erfährt, dass ihre Großmutter noch lebt, obwohl sie dachte, dass sie längst tot ist. Zu ihrer Überraschung ist es fast zu einfach, die Großmutter wiederzufinden. Sie lebt mitten im Wald, einsam und zurückgezogen, ist aber ganz anders als im Märchen – aufgekratzt, lebenstüchtig, weise – eine hochlebhafte, mitten im Leben stehende Frau. Sie hat es faustdick hinter den Ohren und Malina kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Und das Wiedersehen wird zu einer bereichernden Begegnung.
Zu Beginn kann Malina nicht definieren, was genau es ist, das ihr fehlt, aber irgendwas sucht sie. Das ändert sich fast unbemerkt im Laufe der Zeit bei der Großmutter, außerhalb der Welt, die sie gewohnt ist. Was Malina dort lernt, ist völlig anders als das, was sie im Sinn hatte, bei der Großmutter zu erfahren. Sie erfährt sich selbst. Und damit sind wir bei einer klassischen literarischen Reise zum eigenen Ich im Zuge einer äußeren Reise.

Das Literarische ist Malina ja nicht fern.
Ja, Malina hat sich schon immer für Lesen und Dichtung begeistert. »Großmutters Haus« spielt auch mit der Metaebene: Welche Kraft hat Literatur? Mit der Erschaffung von Figuren, der Erschaffung von neuen Realitäten. Die Großmutter ist ein Spiegel für Malina, um sich zu erkennen, so wie auch Literatur ein Spiegel sein kann, um sich selbst zu erfahren.

Malinas Großmutter Kristyna hat eine große Liebe für Pflanzen und ihre Wirkung.
Sie produziert Kräuterzigaretten, die dazu dienen, die Wirklichkeit mit anderen Augen zu sehen. Auch da wieder die Parallele zur Literatur – es geht darum, aus eigenen Mustern herauszutreten, sich frei zu machen für neue Perspektiven. Die Großmutter macht das mit Kräuterzigaretten, wir Leser machen es mit Literatur. Es geht immer um den frischen, nicht-standardisierten Blick. Für mich als Leser ist Literatur dann gut, wenn sie meine Sinneswahrnehmung erweitert und meinen Durst nach, ich möchte fast sagen, Hirn- und Herzensbildung erfüllt. Das muss Literatur leisten. Literatur muss immer aufs Ganze gehen.

Der Schauplatz Waldviertel begleitet dich in deinem kreativen Schaffen.
Sehr viele meiner Romane spielen im Waldviertel. Wie meist in meinen Büchern fällt das Wort Waldviertel zwar nicht, aber jeder, der die Gegend kennt, erkennt, dass der Roman wohl dort angesiedelt ist. Das Waldviertel, als Ort der Handlung, hilft mir ein festes, sicheres Standbein zu haben und für das übrige Literarische das Spielbein frei zu haben.

Fühlst du dich wie Kristyna von der Natur inspiriert oder wie Malina von der Literatur?
Ich denke, als Autor lebt man in allen Welten aller Figuren, so wie hoffentlich auch die Leserinnen und Leser. Für gewöhnlich sympathisiert man zwar mit der Hauptfigur, aber spannend wird’s, wenn man sich in allen Figuren wiedererkennt. Ich bin in allen Welten. Mit weniger braucht sich niemand zufrieden geben.