Cornelia Travnicek im Gespräch zu »Feenstaub«

erstellt am 10. März 2020

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Wer ist Petru? 

Petru ist ein Junge, ein Jugendlicher, wie alt er ist, das wissen wir nicht genau, und er lebt mit zwei anderen auf einer Insel, die sonst niemand kennt.

 

In welcher Welt leben die drei Jungs? Was macht der Feenstaub mit den Jungs?

Die Insel liegt in einem Fluss und ist unsichtbar für alle anderen in der Stadt, durch die dieser Fluss fließt. Auf der Insel wohnen die Jungen unter und in einem riesigen hohlen Baum. Im Fluss gibt es Nixen und Wale. Die Jungen haben Feenstaub, der sie kleiner macht, unauffällig. Den brauchen sie, wenn sie als Taschendiebe in die Stadt gehen.

 

Was zeichnet das Buch stilistisch aus?

Der Roman ist meine Interpretation eines Märchens, eine mögliche Peter-Pan-Version des 21. Jahrhunderts. Der Ton ist einerseits poetisch, schwebend, flimmernd, andererseits derb und hart, wenn die Jungen miteinander in ihrer Sprache sprechen oder wenn die Realität in ihre heile Abenteuerwelt einbricht.

 

Was hat dich am Peter-Pan-Stoff fasziniert? 

Die Idee, Peter Pan auf eine ganz eigene Art und Weise in das 21. Jahrhundert zu holen, verfolgt mich schon seit Jahren. Genauso wurde der Autor J.M. Barrie von Peter Pan verfolgt, denn es gibt ja nicht einfach ein Kinderbuch namens »Peter Pan«, sondern zuerst kam die Figur in einem Buch für Erwachsene namens »Little White Bird« vor, das war 1902. 1904 wurde aus einem Abschnitt dieses Buches das Theaterstück, das wir heute unter dem Titel »Peter Pan« kennen. Erst 1911 hat Barrie aus diesem Theaterstück wiederum eine Erzählung gemacht, damals mit dem Titel »Peter Pan und Wendy«, die heute als Kinderbuch verkauft wird. Auch wenn man diesen nun beinahe hundertzehn Jahre alten Text liest, ist man fasziniert von der Sprache, die nicht unbedingt die eines Kinderbuches ist. Auch die Handlung ist durchaus grausam, so versuchen die verlorenen Jungs ja auf Anraten der neidischen Fee Wendy vom Himmel zu schießen, und es ist durchaus klar, dass bei den Kämpfen zwischen den Piraten und den verlorenen Jungs auch manchmal einer stirbt.

Und obwohl »Feenstaub« keinesfalls auf Fakten basiert, waren mir natürlich all die Geschichten von Kindern, denen Erwachsene quasi das Erwachsenwerden verbieten, weil sie die Kinder so besser kriminell ausbeuten können Inspiration und Anstoß.

Genauso wie der ursprüngliche Peter Pan ist »Feenstaub« ganz sicher kein Kinderbuch. Ein Buch in einer Zwischenwelt, das vielleicht schon.

 

In welcher Beziehung stehen Petru, Magare und Cheta zu den Lost Boys? Wieso ist der Stoff aktuell?

In den verschiedenen Peter-Pan-Versionen, die wir kennen, ist nicht klar, wie die verlorenen Jungs verloren gingen. Sie könnten Waisen sein, aber auch tot. Bei mir sind sie verloren, weil sie keinen Halt mehr im Leben haben, weil gerade die Menschen, die ihnen diesen Halt hätten geben sollen, sie verraten oder verlassen haben. Und es gab zwar sicher vor über hundert Jahren sehr viel mehr Waisen in Europa, aber es gibt immer noch so viele verlorene Kinder überall auf der Welt und dazu braucht es nicht einmal Katastrophen und Krieg ­­– Armut reicht dafür schon aus.

 

Wie gestaltet sich die Freundschaft der Jungen?

Die Freundschaft zwischen den Jungen gestaltet sich schwierig. Sie würden vielleicht nicht unbedingt die besten Freunde sein, wenn sie nicht da wären, wo sie sind. Sie sind ganz sicher eine Schicksalsgemeinschaft, zurückgeworfen auf sich selbst, angewiesen aufeinander, und dann doch wieder ein zärtlicher, fürsorglicher Haufen. Was wiederum nicht heißt, dass es nicht die eine oder andere Reiberei gibt. Besonders wenn ihnen die ganz großen Gefühle in die Quere kommen.

 

Von wem werden sie ausgebeutet?

In »Feenstaub« gibt es Menschenhändler, die Piraten, die aber im Grunde nicht auftreten – nur ein Mittelsmann, der etwas durchaus Krokodilhaftes an sich hat, der Krakadzil. Für ihn stehlen die Jungs. Allerdings geht ein Teil des Geldes auch immer an irgendwelche Menschen im Hintergrund, so hat zum Beispel Petru eine kranke Großmutter, um die sich bei ihm zu Hause eine Art Dorfvorsteher kümmert, an den das Geld geschickt wird, oder bei Cheta geht Geld an einen Stiefvater, der ihn aus dem Haus haben wollte. Von ihrem eigenen Geld müssen sich die Jungs dann auch noch den Feenstaub kaufen, der eine Art Droge ist. Durch den Krakadzil sind die Jungen auch Gewalt ausgesetzt. Und um für ihn arbeiten zu können, müssen sie Kinder bleiben, unmündig. Anders als in Peter Pan ist hier das Niemals-erwachsen-werden also ein Zwang, der von außen oder von eigenen inneren Nöten auferlegt wird, kein Nebeneffekt der Insel, und schon gar keine freie Entscheidung – im Gegenteil gibt es dadurch durchaus einen Konflikt mit der natürlichen psychologischen Entwicklung der Jungs.

 

Kannst du vielleicht kurz von der Handlung oder den Motiven erzählen – um was geht es?

»Feenstaub« erzählt in einer Art Ich-Perspektive durch Petru, wie der Alltag der Jungen ist, von ihrer Wohngemeinschaft und von ihren traumhaften Wünschen. Dann trifft Petru Marja und alles, was vorher gerade noch irgendwie in Balance schien, kommt durcheinander. Petru lernt bald Marjas Mutter Gwendoline und ihren Vater Georg kennen und findet schnell Gefallen an diesem Familienleben, das sich ihm dort anbietet. Zwar sind Gwendoline und Georg teilweise naiv, aber herzensgut, und sie nehmen Petru gerne in ihren Familienkreis auf, was schön sein könnte für ihn – doch gleichzeitig sind da zwei junge Menschen in ihn verliebt, denen er nicht geben kann, was sie von ihm wollen: Der einen nicht, weil er sie ständig belügen muss und genau wie Peter Pan eigentlich auf der Suche nach einer Mutter- beziehungsweise Vaterfigur ist und nicht nach der Liebe. Dem anderen nicht, weil er einfach nicht so empfindet. Und natürlich fällt den anderen Jungs auf, dass er etwas vor ihnen verbirgt, das ihn bald mehr in Anspruch zu nehmen scheint als sein Leben auf der Insel.

In dem Roman geht es um persönliche Enttäuschungen, wilde Pläne, Auswegslosigkeit – und dadurch auch um eine gewisse Starre, die zumindest Petru befällt. Er ist eindeutig überfordert, wodurch er sich oft in den schlimmsten Momenten einfach in eine Wortlosigkeit und Handlungsunfähigkeit zurückzieht. Am Ende handelt er doch – was wieder alles auf den Kopf stellt.