Christian Klinger im Gespräch zu »Die Liebenden von der Piazza Oberdan«

erstellt am 25. August 2020

Pino basiert auf einer realen Person. Wie sind Sie auf ihn gestoßen?

In einem außergewöhnlichen Reiseführer von Mauro Covacich (»Triest verkehrt«) erzählt er bei der Beschreibung der Piazza Oberdan und der dortigen Statue von Mascherini das traurige Schicksal von Pino, der nur, weil er dort auf seine Verlobte wartet, verhaftet und letztlich ermordet wird.

 

 Was war Ihr Ansporn, Pinos Geschichte aufzuschreiben?

Pino Robusti ist in der Gedenkstätte der Risiera ein eigener Beitrag mit Gedenktafel gewidmet. Ich begann, mich neben der zeithistorischen Tragödie für sein Leben zu interessieren und wollte mehr über ihn erfahren, konnte aber kein Buch darüber finden. Mit der Zeit und den weiteren spärlichen Informationen, die ich fand, ergriff ich den beinah anmaßenden Entschluss, es selbst zu verfassen. Ein Buch über Pinos Leben! Ich wollte Pino eine Stimme geben und ich wollte Pino real werden lassen, auch wenn mir klar ist, dass beides nur ein Versuch sein kann, selbstherrlich und demütig zugleich, wenn man vorsichtig die weißen Flecken auf der Landkarte seiner Existenz nach den eigenen Vorstellungen einfärbt.

Zugleich fand ich es schmerzlich, aber auch interessant, dass viele Triestiner, die ich auf das Thema angesprochen habe, egal ob jung oder alt, Pino nicht kannten und nichts über ihn wussten.

 

Wie kam es zur Idee, die Geschichte des Vaters ebenfalls mit einfließen zu lassen?

Weil gerade in diesen beiden Generationen der Schauplatz Triest einem enormen Wandel unterworfen war: Nach sechshundert Jahren Habsburgerherrschaft wird Triest samt Istrien in den italienischen Staatsverband eingegliedert. Eine Monarchie löste die andere ab. Kurz darauf wird Italien von der Seuche des Faschismus heimgesucht, der jegliche nationale Diversität auszumerzen trachtet. Neben den brutal verfolgten Juden sind es vor allem die Slawen, denen man ihre Identität abspricht. Doch vieles davon hatte seine Wurzeln schon in der Monarchie. Da waren die eher kaisertreuen Slawen auf der einen Seite und die italienischen Irredentisten und dann natürlich noch die deutsche Oberschicht und Verwaltung, verflochten mit dem zum Teil jüdischen Geldadel der Unternehmer aller Nationalitäten. Und es gab auch viele Italiener wie auch Österreicher, die den Nutzen, den die Stadt aus der bevorzugten Behandlung als Freihafen und als reichsunmittelbare Stadt durch das Kaiserhaus zog, schätzten. Doch davon abgesehen gab es eine Vielzahl von Einwohnern, egal welcher Ethnie, die aufgrund des täglichen Überlebenskampfes kein Interesse an Politik zeigt.

Und dann ist da noch der Konflikt zwischen den beiden Männern, was die Studienwahl betrifft und die Anspielung an das eigene jugendliche Auflehnen des Vaters, was aber reine Fiktion ist, dazu fanden sich keine Anhaltspunkte. Im Gegenteil: Schon Pinos Vater war Architekt. Hier habe ich also bewusst in die Faktenlage eingegriffen. Aber vielleicht hatten sie eine ähnliche Diskussion wie in meinem Buch geführt, weil Pino womöglich Jus anstelle von Architektur studieren wollte?

 

Wie hat sich die Recherche für das Buch gestaltet?

Langwierig und interessant, um es auf den Punkt zu bringen. Ich wollte ja kein wissenschaftliches Werk verfassen, sondern vor allem das damalige Leben und die Entwicklung der Stadt zeigen. Neben den üblichen Quellen (die dank Internet auch von Wien aus gut zugänglich waren), besorgte ich mir Literatur zur Zeitgeschichte und zur Risiera. Es gab eine lange Literaturliste, die wir aber dann doch nicht im Buch abgedruckt haben, um seinen belletristischen Charakter zu erhalten. Es gibt in Triest auch ein überaus reichlich ausgestattetes Antiquariat, wo sich einiges fand. Sogar über willhaben.at konnte ich etwa zwei Reiseführer aus der fraglichen Zeit bekommen, die sehr wichtig waren, was zum Beispiel die Straßennamen betrifft. Und nicht zu vergessen eine Facebook-Gruppe, die mich mit ihren Fotos aus alten Tagen sehr inspiriert hat. Ich war aber vor allem viel vor Ort und habe die Stätten auf mich wirken lassen. Ich habe auch versucht, über das ehemalige Wohnhaus der Familie Nachfahren von Pino zu finden, doch es gab in den siebziger Jahren einen Eigentümerwechsel und die Spur verliert sich.

 

Sie haben selbst einen Wohnsitz in Triest. Was fasziniert Sie besonders an der Stadt?

Viele sagen ja, Triest sei wie Wien, nur, dass es am Meer liege, und ja das Meer ist schon etwas Faszinierendes, das einem abgeht, wenn man es länger nicht hat (wie jetzt in Corona-Zeiten). Ich habe Triest erst sehr spät für mich entdeckt und kannte es eigentlich nur von den Autobahnschildern, die in mir immer die Vorstellung von etwas sehr Exotischem nährten. Meine Annäherung an die Stadt war dann eine ganz andere:

Mein erster Besuch vor wenigen Jahren war dermaßen enttäuschend, dass ich dieses Kapitel eigentlich abgeschlossen hatte. Was war das für eine Stadt? Wo hatte sich der vielgepriesene italienische Charme versteckt? Nichts, was auch nur annähernd meiner Vorstellung dieser Hafenstadt entsprochen hatte. Zum Glück kehrte ich gegen meinen Entschluss wieder zurück. Und dann wieder. Jedes Mal entdeckte ich hinter einer spröden, oberflächlichen Sperrigkeit ein liebenswertes, faszinierendes Detail. Und von Besuch zu Besuch wuchs eine Vertrautheit wie zwischen Menschen, die sich anfänglich fremd sind und einander scheu begegnen und erst mit den Jahren zu einander finden. Triest zeichnet sich dadurch aus, dass es sich nicht darum bemüht, Vorstellungen gerecht zu werden, sondern so ist, wie es geworden ist. Triest ist keine willige Geliebte für den schnellen Moment. Diese Stadt verlangt nach einer Beziehung, an der lange gearbeitet werden muss. Dafür ist es dann eine, die ein Leben lang hält.