David Krems im Gespräch zu »Fast ein Wunder«

erstellt am 11. September 2019

»Im Laufsport spiegeln sich gleich mehrere gesellschaftlich relevante Entwicklungen wider.«

In »Fast ein Wunder« greift David Krems den Laufsport als gesellschaftliches Phänomen auf und erschafft einen packenden Roman über verwischte Spuren, die Macht der Medien, Versuchung und den Sieg der Menschlichkeit.

Wie erklären Sie sich die zunehmende Popularität des Laufsports?
Im Laufsport spiegeln sich gleich mehrere gesellschaftlich relevante Entwicklungen wider. Zum einen geht es um Selbstoptimierung und Leistungsbereitschaft. Dinge, die von uns allen tagtäglich gefordert werden. Andererseits gibt es das Schlagwort vom Sport, der verbindet. Das war lange ein Bereich, der vom Mannschaftssport gut abgedeckt wurde. Laufen kann man alleine, muss man aber nicht: Lauftreffs, egal für welches gesellschaftliche Segment, erfreuen sich allerorten großer Beliebtheit. Hier wird auch das Thema der Integration schlagend. Und dann geht es natürlich um die Faszination des Laufens selbst: Laufen ist Sport in reinster Form. Man braucht dazu nichts weiter als den eigenen Körper.

Was war Ihr Zugang zu der Geschichte, die Sie in Ihrem Roman erzählen?
Zuallererst war da nur das Bild eines Läufers, der mit enormer Leichtigkeit etwas leistet, was selbst Profis kaum schaffen. Dieser Gedanke ist mir tatsächlich beim Laufen gekommen und stand lange für sich selbst da. Später hat sich daraus dann einer meiner Charaktere entwickelt. Jemand, der die körperliche Eignung zum Spitzensport zwar mitbringt, seine Kraft aber vor allem aus einer ganz persönlichen und tragischen Geschichte zieht: Es gibt da etwas, das ihn schneller werden lässt als jeden seiner professionellen Kollegen. Etwas, das ihm geradezu magische Kräfte verleiht.

Gibt es Parallelen zu realen Ereignissen?
Der Laufsport ist für Menschen in Notlagen zu einer ganz realen Perspektive geworden. Man kennt das aus anderen Bereichen des Sports – die fußballspielenden Kids in den Favelas Südamerikas waren lange ein bekanntes Bild dafür. Und ja, beim letzten Vienna City Marathon war mit Lemawork Ketema tatsächlich ein einst aus Äthiopien geflüchteter Läufer schnellster Österreicher. Und jetzt gibt es dann auch noch diesen Weltrekordversuch Eliud Kipchoges am 12. Oktober 2019, der lustigerweise genau auf der Trainingsstrecke meines Protagonisten stattfindet. Es gibt da also tatsächlich ganz konkrete Parallelen zu meinem Roman.

Wie beurteilen Sie denn diesen neuerlichen Versuch, die Zwei-Stunden-Marke zu unterbieten?
So etwas ist zunächst natürlich ein ungeheurer Glücksfall. Es gibt solche Marken, die Symbolkraft haben und damit alles überstrahlen. Man übersieht dabei oft, dass es nicht um diese Marke geht, sondern um die Verbesserung gegenüber der aktuellen Bestzeit. Wenn man sich diese Zeiten beim Marathon nun ansieht, stellt man fest, dass hier stetig Verbesserungen erreicht worden sind. Es ist also anzunehmen, dass die paar Sekunden, die beim letzten Versuch noch gefehlt haben, irgendwann auch zu schaffen sein werden. Andererseits werden die erreichten Verbesserungen immer geringer. Es ist also gut möglich, dass mit dem, was Eliud Kipchoge demnächst auf der Hauptallee leisten wird, ein Punkt erreicht wird, über den dann kaum noch hinausgegangen werden kann.

 

Foto: © Paul Feuersänger