Ingvar Hellsing Lundqvist über seine Faszination mit dem Komponisten Hans Rott

erstellt am 29. April 2019

»Die ersten Worte meines Romans stammen aus einem Traum«

 

Wie haben Sie zum ersten Mal von Hans Rott erfahren?
In den späten achtziger Jahren traf ich mich gelegentlich mit ein paar Lehrerkollegen, um klassische Musik zu hören. Da erzählte mir ein Freund, dass er vor Kurzem eine fantastische Symphonie von einem komplett verkannten Komponisten gehörte habe: Hans Rott. Und Brahms, dieser »Scheißkerl« – um meinen Freund zu zitieren –, soll seine brillante Arbeit völlig vernichtet haben. Brahms habe diesem Ausnahmetalent die Karriere verbaut und Rott verbrachte den Rest seines elenden Lebens in einer Anstalt. Ich musste immer wieder an diese Geschichte denken, wie mir mein Freund voller Enttäuschung und Wut davon erzählt hat. Da begann ich zu recherchieren und war bald sehr berührt von Rotts Schicksal. Also beschloss ich, über ihn zu schreiben, versuchte mich in ihn hineinzuversetzen, ihn zu erforschen und zu erfühlen. Ich entschied mich für eine intensive Sprache mit sehr kurzen Sätzen, erlebte Rede, einen musikalischen Rhythmus, um das Feuer in Rott spürbar zu machen. Und Jürgen Vater hat meinen Text dann sehr einfühlsam ins Deutsche übersetzt.

Wie würden Sie das Genie Hans Rotts beschreiben?
Er war stark von Wagner beeinflusst, aber auch von Bruckner – und ironischerweise von Brahms. Er vermochte es, die Ideen seiner Zeit – Nietzsche, Schopenhauer, Bjørnson und andere – durch seine Sensibilität in Noten zu übersetzen. Sein junger, idealistischer, tief religiöser und romantischer Zugang hat den Zeitgeist zu etwas sehr Persönlichem und Einzigartigem verarbeitet. Das entspricht meinem Verständnis von Genie.

Wie sind Sie an Ihre Recherchen herangegangen?
Ich wollte Hans Rott so gut wie möglich kennenlernen. Und natürlich auch die Zeit, in der er lebte, deren Religion, Philosophie, Politik, Ideengeschichte. Ich habe also Bücher über Rott gelesen, Maja Löhr, die Tochter von Friedrich Löhr, einem von Rotts besten Freunden, schrieb zum Beispiel eine Biografie. Den persönlichen Zugang zu Rott habe ich aber durch das Lesen seiner Briefe gefunden. Das hat ihn für mich lebendig gemacht.

Worauf basiert Rotts Paranoia im Roman?
Wir wissen, dass Hans Rott in den letzten Jahren seines Lebens unter schweren Halluzinationen litt. In den Briefen las ich, dass er die Natur romantisierte, viele Bilder nahm ich von dort. Rott schrieb auch Gedichte, eines davon an seine geliebte Louise, Hunderte von Zeilen. Er hatte enorme Fantasie, eine blühende Vorstellungskraft. Die ersten Worte meines Romans stammen allerdings aus einem Traum, den ich selbst hatte: Ich sah den jungen Rott an seinem Klavier sitzen und er feuerte Raketen aus großen Noten auf Brahms’ Armee auf der anderen Seite eines weitläufigen Schlachtfelds. Irgendwie war ich Rott durch diesen Traum nahe, seinen Ängsten, seinen Halluzinationen.

Was weiß man über Rotts trauriges Ende?
Zu Rotts letzten Jahren in der Anstalt gibt es nicht viel zu finden. Also habe ich auch andere historische Quellen herangezogen, um mir ein Bild zu machen, etwa Nellie Blys »Ten Days in a Mad-House« von 1887, aber auch schwedische Dokumente und Quellen. Damalige Anstalten in Schweden orientierten sich nämlich an Ludwig Schlagers Ansätzen und Schlager war nicht zuletzt der Direktor jener Anstalt, in der Rott Patient war. Wir wissen unter anderem, dass Hans Rott versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Seine Freunde besuchten ihn, aber sie konnten ihm nicht helfen. 1881, als er eingeliefert wurde, diagnostizierte man: Verfolgungswahn, Halluzinationen, völlige Verwirrung. Mal ging es ihm besser, mal schlechter. Ein Zeitungsartikel aus dem Illustrirten Wiener Extrablatt von 1884 gibt traurigen Aufschluss über seinen Zustand.